„Wien wird jetzt zur Großstadt demoliert“, stellte der nie um ein Wort verlegene Karl Kraus fest. Dem kann Naheim nicht nachstehen. Unter der Altstadt fließt der Verkehr jetzt unsichtbar, doch an der Oberfläche ist die Stadt erstarrt.

Das Wort ‚demolieren‘ ist fast aus dem Duden gefallen, es meint: ‚gewaltsam zerstören, niederreißen‘. Die Furien des Verschwindens waren auch in Neheim zugange. Seit den 1980-er Jahren wurde die Innenstadt zur ‚Einkaufsstadt‘ demoliert. Kein Stein blieb auf dem anderen. Abtragen ist ein Verfahren, die gemeinsam mit dem Zerspanen, Zerteilen, Zerlegen eingesetzt wird. Neheim ist nach der größten Zerstörungsorgie seit dem 2. Weltkrieg dazu verdammt, immerfort zu werden und niemals zu sein. In einem grundstürzenden Verständnis von `Moderne´ wurden historische Restbestände wie etwa eine nach den Plänen von Karl Friedrich Schinkel erbaute Pfarrkirche mit inquisitorischem Eifer aus der Stadt getilgt, bis sie nurmehr auf alten Postkarten eine vergilbte Erinnerung ist.
Die wahre Leistung der modernen Stadtplanung liegt darin, den Menschen vergessen zu lassen, dass er Beine hat. Seit der Tunnel die Autos verschluckt, dient die Oberfläche nicht mehr dem Verweilen, sondern dem reibungslosen Durchgang. Man hat den Verkehr unter die Erde verlegt, nur um den Konsum über der Erde zu beschleunigen. Der Bürger betritt die Fußgängerzone nicht als Spaziergänger, sondern als Kunde mit Kreditkarte. Ein lebendiger Raum braucht Risse, Geschichte und Zweckfreiheit. Das konsumfreundliche Umfeld dagegen braucht vor allem eines: eine sterile Kachelfläche, auf der niemand stolpert, während er aufs Schaufenster starrt.
Wer die Identität einer Stadt sucht, darf nicht die neuen Fassaden betrachten, sondern das, was weggeworfen wurde. Mit dem Einzug der großen Filialisten verschwand das Unvorhersehbare. Die soziale Gerechtigkeit einer Kommune misst sich an ihren konsumfreien Räumen – Plätze, an denen man sitzen kann, ohne einen Kaffee bezahlen zu müssen. Wo heute „Aufenthaltsqualität“ auf den Plänen steht, meint man in Wahrheit nur die Möblierung von Außengastronomie. Das Recht auf Stadt wurde eingetauscht gegen das Recht auf Einkauf.
Man muss die Brille der Ökonomie absetzen, um das Elend der Architektur zu sehen. Die Stadtplaner haben keine lebenswerte Kommune verhindert, weil sie bösartig sind, sondern weil sie kurzsichtig wurden. Sie verwechselten Belebung mit Umsatz. Architektur, die Brücke zwischen Geschichte und Gegenwart sein sollte, wird hier zum bloßen Display degradiert. Die historische Kulisse der Altstadt dient nur noch als charmantes Logo für das Freiluft-Einkaufszentrum. Es ist die totale Ästhetisierung des Kommerzes.
Hütet euch vor den Städten, die perfekt funktionieren. Wenn jeder Quadratmeter durchgestylt, sauber und normiert ist, stirbt das Soziale. Eine lebenswerte Stadt hält Widersprüche aus: das Alte neben dem Neuen, den Bettler neben dem Bankier, das Spiel des Kindes neben dem Schritt des Arbeiters. Die Neheimer Planer haben ein Gehäuse geschaffen, das keinen Staub ansetzen darf. Doch im staubfreien Raum kann man zwar hervorragend konsumieren, aber nur sehr schlecht atmen.
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Weiterführend → Die Erstausgabe von Die demolirte Literatur erschien 1896 in der Künstlerzeitschrift „Wiener Rundschau“. Karl Kraus war der erste Autor, der vor über hundert Jahren die kulturkritische Kommentierung der Weltlage zur Dauerbeschäftigung erhob. Seine Zeitschrift „Die Fackel“, in der er von 1899 bis 1936 auf über zwanzigtausend Seiten alle denkbaren Zeitgeist-Phänomene kommentierte, war gewissermaßen der erste Kultur-Blog.
→ In 2003 stellte KUNO den Essay als Versuchsanordnung vor.
→ In 2013 unternahm Constanze Schmidt Gedankenspaziergänge.
→ In 2023 machte sich Holger Benkel gedanken über das denken.
→ Abschliessend eine Betrachtung zur Evolutionsgeschichte des Essays.
