Wunderliche Erinnerungsspuren

Das Gebäude der Rösterei an der Mendener Straße 8, ein denkmalgeschütztes Haus aus dem Jahr 1801. Es trägt seine Geschichte wie einen Panzer aus dunkelgrauen Schuppen. Der Schiefer, dieses urtypische Gestein der sauerländischen Hänge, verkleidet die Architektur und schützt sie gegen das Wetter wie gegen das Vergessen.

Bei Martin Vanselows Fotos geht es um die Verwandelung des Lichts.

Einem Zugereisten erscheint Neheim zuweilen wie die Patenstadt von Twin Peaks in der Gemeinde Snoqualmie. Die Gegend zwischen Möhne und Ruhr ist eingefasst von einer Mittelgebirgslandschaft. Viel Wald; jedoch keine Sägewerk vor Ort… doch auch hier gibt es ein bizarres Grüppchen von Sonderlingen; jedoch niemand, der mit einem Holzscheit als Kinderersatz umherläuft. All diese gescheiterten Existenzen sitzen auf den Parkbänken wie auf einem Logenplatz, von denen aus sie als Zuschauer aus dem Leben den letzten Tropfen aufzusaugen versuchen.

Wer die Mendener Straße betritt, sucht nicht den Aufenthalt, sondern den Übergang. Zwischen dem Takt der vorbeiziehenden Wagen und der Nüchternheit der Fassaden steht die Kaffeerösterei als eine Schleuse der Entschleunigung. Der Geruch bricht sich Bahn, noch bevor das Auge das Schild erfasst. Es ist das Aroma gerösteter Bohnen, das wie ein unsichtbares Signal den Passanten am Ärmel fasst. Hier wird Energie nicht flüssig in Tanks gepumpt, sondern in braunen Papieren ausgewogen. Ein Kraftstoff für das Bewusstsein, gewonnen aus der Hitze der Trommel, die sich im Inneren unaufhörlich dreht wie das Rad eines verborgenen Schicksals.

Für den Neheimer Bürger, der hier vorbeigeht, verwandelt sich die Straße für einen Moment in einen Kai. Die Weltwirtschaft schrumpft zusammen auf die Größe einer hölzernen Schütte, aus der die grünen Bohnen in die Röstmaschine gleiten. Das Fremde wird hier nicht konsumiert, es wird verarbeitet. Im Glanz der polierten Metallteile der Maschine spiegelt sich das Gesicht des Kunden, der wartet, bis seine Portion den Grad der Dunkelheit erreicht hat, den er Heimat nennt.

Was der Kurator und der Streetphotographer für ihre Redaktionssitzungen in Neheim nicht vermissen, ist ein Diner, in dem Sherilyn Fenn den Kaffee für Kyle MacLachlan serviert. Dafür gibt es als vollwertigen Ersatz die ´Westgold Kaffeerösterei`. Dies ist die Wiederbelebung eines Kulturgutes in Neheim. Die Geschichte der Ware ist die Geschichte ihrer Verdrängung… sowie ihrer unerwarteten Heimkehr. Im Jahr 1923, als das Geld an Wert verlor und die Sekunden im Takt der Hyperinflation rasten, begann Ernst Strucken sen. genau hier, im Schutz des schiefergedeckten Hauses, das langsame Handwerk des Trommelröstens. Der „Strucken Kaffee“ war keine flüchtige Mode; er wurde zu einer Konstanten im kollektiven Gedächtnis des Sauerlands, ein vertrautes Gut, das weit über die Grenzen Neheims hinaus verlässlich den Tag strukturierte.

Das Mysterium des Lebens steht in Neheim nicht in der Gegenwirkung zur Natur, sondern in der Widersetzlichkeit zu dem, was die Sauerländer über die Natur zu wissen glauben.

Last but not least: Die ´Westgold Kaffeerösterei` serviert neben einem kleinen Braunen ein Glas Wasser. Man sollte diesen Service nicht verachten, im Gegensatz zur Systemgastronomie wissen die Betreiber, was sie tun.

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Hinter der Glasscheibe lagert die Ware in Säcken aus Jute, bedruckt mit den Chiffren ferner Häfen. Santos, Tarrazú, Sidamo – Namen, die wie magische Formeln auf dem groben Stoff stehen.

Twin Peaks, digitally remastered, alle 29 Folgen der Serie sind im gut sortierten Fachhandel erhältlich. Diese DVDs gehören in jedes Bücherregal.

Weiterführend → Dem Begriff Trash haftet der Hauch der Verruchtheit und des Nonkonformismus an. In Musik, Kunst oder Film gilt Trash als Bewegung, die im Klandestinen stattfindet und an der ein exklusiver Kreis nonkonformistischer Aussenseiter partizipiert. Der Essay Perlen des Trash stellt diese Reihe ausführlich vor. Luther Blissett beschreibt den Weg von Proust zu Pulp.