Suerländischer Neologismus

Grau ist alle Theorie…

„Vertell, vertell! Diu ruikest sau schoin no Schnaps.“

Sauerländisches Sprichwort

Das Wort Vertellstückskers ist ein Neologismus. Diese Bruchstücke aus der Realität sind verwandt mit den Miszellen, dies ist eine Bezeichnung für eine Rubrik, unter der Kurztexte variierenden literarischen Inhalts veröffentlicht werden.

Kritik bedeutet unterscheiden, was sagen die Kritiker des Unterscheidungsvermögens?

Die Sprache der Väter war ein Gehöft mit dicken Mauern. Man betrat sie durch das Deelentor, man roch den Stall, die Kälte des Lehms, die Schwere des ungewaschenen Lodens. Wer heute durch die Täler der Möhne oder Ruhr fährt, begegnet einer Landschaft, die ihr Gedächtnis im Kehlkopf verloren hat. Das Sauerländer Platt ist nicht einfach verschwunden wie ein verlegter Schlüssel; es wurde enteignet. Es ist die Melancholie der Ruine, die nicht aus Stein, sondern aus Schweigen besteht.

Das Suerlands Platt besaß keine Begriffe für das Provisorium. Es war geschmiedet für die Ewigkeit der Jahreszeiten, für das langsame Reifen des Korns und das repetitive Schlagen des Beils im Forst.

Früher war die Mundart das grobe Lodenzeug des Geistes. Man trug sie bei der Arbeit, im Stall, in der Enge der Fachwerkhäuser. Doch die Sprache der Väter hielt der Geschwindigkeit der Züge und der Glätte der Formulare nicht stand. Als das Sauerland „erschlossen“ wurde, blieb die Mundart auf der Strecke liegen wie ein überfahrenes Tier. Das Hochdeutsche kam als die Sprache der Beamten, der Lehrer und der Ingenieure – eine blankpolierte Asphaltstraße, auf der kein Platz für die holprigen Karrenwege des Dialekts war.

Das Suerlands Platt war ortsgebunden; es funktionierte nur im Schatten des Kirchturms.

Es gibt eine spezifische Form der Scham, die das Aussterben einleitete: die Angst, durch das „P“ und das „T“ als rückständig entlarvt zu werden. Die Eltern schnitten ihren Kindern die Zunge gerade, damit sie in der fernen Stadt nicht über ihre eigene Herkunft stolperten. So wurde das Suerlands Platt zur Geheimsprache der Greise, zu einem Museumsstück, das man sonntags im Heimatverein ausstellt, aber Werktags im Keller versteckt.

Das Formular ist die Guillotine der Mundart. Der preußische Beamte, der Lehrer mit dem Rohrstock, der Ingenieur mit dem Nivelliergerät – sie brachten eine Sprache mit, die wie eine Walze funktionierte.

Die Leuchtenindustrie brachte nicht nur den Ruß, sondern auch die Normung. Wo Maschinen im Takt schlagen, muss die Anweisung eindeutig sein. Der Dialekt, der für jedes Tal ein eigenes Wort für den Nebel oder den Stein besaß, war für die Fabrik zu unpräzise. Die Sprache wurde zum Werkzeug, und Werkzeuge müssen austauschbar sein. Das Suerlands Platt war jedoch ein Unikat, geschmiedet aus dem Widerstand gegen den Wind und die karge Erde.

Die Sauerländer haben ihre Mundart nicht vergessen, sie haben das Suerlands Platt sterilisiert.

Die Natural Born Neheimer haben das Suerlands Platt aus dem Alltag in die Heimatstuben und Vereinsregister verbannt. Dort liegt es nun, ein ausgestopftes Objekt, museal und größtenteils harmlos. Im Stall wird längst englischsprachige Melktechnik bedient; in den Fachwerkhäusern flackern die Bildschirme im Takt der globalen Monotonie. Der Verzicht war kein Akt des Hasses auf das Eigene, sondern die stumme Kapitulation vor der Effizienz. Die Sauerländer haben das grobe Lodenzeug gegen den bürgerlichen Anzug getauscht und dabei verlernt, wie sich die Kälte der Heimat auf der nackten Haut anfühlt.

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Das Sauerland und seine Bewohner, Friedrich Wilhelm Grimme (1866, überarbeitetet 1886)

Memoiren eines Dorfjungen , Friedrich Wilhelm Grimme (1859, Neue Folge 1867)

Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Eine historische Ansicht des Grimme-Denkmals, gesetzt 1906/7 mit Unterstützung des Sauerländischen Gebirgsvereins, befindet sich an der Grimmestraße in der Dorfmitte von Assinghausen (Sauerland).

Friedrich Wilhelm Grimme ist kein weltabgewandter Romantiker. Er war ein realistischer Menschenkenner mit scharfem Witz, warmem Herzen und klarem Blick für die Stärken und Schwächen seiner Landsleute. Indem er das Sauerland literarisch ´erfand` und zugleich liebevoll sezierte, gab er den Menschen der Region denk Stolz und das Selbstbewusstsein zurück – in einer Zeit, in der ländliche Räume als rückständig abgetan wurden.

Weiterführend→ Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

Johannes Schmidt ist ein Zugereister aus dem Bergischen Land.

Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den Hinweis: „Zu den Quellen“.

Das Projekt „Schmieds Katze“ ist der Versuch einer Langzeitgeschichtsschreibung zwischen 2025 – 2035 in Fortsetzungen, Nebensätzen und Neuansätzen. Der Herausgeber trägt eine literatursoziologische Hypothese vor, welche der Versuch ist, das Leben im Sauerland in nicht-lineare Momente gliedert. Ergänzend dazu, erste Überlegungen zum Neologismus Vertellstückskers und dem Aussterben des Suerlands Platt.