Was Platon im Höhlengleichnis schilderte, ist der Weg von den unklaren Vorstellungen zu den wirklichen Ideen hinter den Phänomenen in der Natur.

Das Höhlengleichnis ist kein Lehrplan, sondern eine topografische Skizze. Platon beschreibt den steilen Aufstieg aus dem Dunkel der Naturphänomene hin zu den reinen Ideen. Mischa Kuball Lichtinstallationen sind keine Fackeln, die den Weg aus der Höhle leuchten. Sie sind Scheinwerfer, welche zumeist die Architektur der Höhle selbst sezieren. Kuballs Schwierigkeit liegt im Paradoxon der Aufklärung: Je greller das Licht, desto tiefer der Schatten, den es wirft.
Die Natural Born Neheimer stehen für eine Synthese zwischen einem reflexiven Wissen und einem selbstbestimmten Leben, in dem sie ihr Wissen pragmatisch verallgemeinern.
Die Gefangenen bei Platon hielten die Schatten für die Realität. Kuball zeigt uns die Projektoren. Doch der moderne Betrachter blickt lieber in die Lichtquelle, als den Ausweg zu suchen. Er ist fasziniert von der Blendung. Die Sauerländer leiden unter der Überschätzung der eigenen Wirkungskraft. Sie verkörpern die Gedanken des Zweifels, der Neugier und den Tatendrang der Nachgeborenen, der nicht einfach dort weitermachen kann, wo die Generation nach dem 2. Weltkrieg nur Verschüttetes angehäuft hat.
Dieses einfache Muster des Vertellstückskers gehört in 5760 Neheim zu den elementaren Bausteinen kultureller Konstruktionen von Wirklichkeit. Gefühle gelten in Neheim als Dokument der Authentizität, die Ruinenbewohner können zwar falsch denken, jedoch nicht falsch fühlen.
Zuletzt installierte Kuball die Installation projektionsraum 1:1:1 / spinning version in der Werkstattgalerie Der Bogen. Sie bricht radikal mit dem klassischen Aufklärungsversprechen des Lichts. Wo Platon eine lineare Bewegung von der Dunkelheit zur Wahrheit fordert, konstruiert Kuball ein rotierendes, mechanisches Labyrinth, das Erkenntnis im selben Moment erzeugt und wieder zertrümmert. Zwei Diaprojektoren werfen geometrisches Grundmaterial entlang der Raumdiagonalen an die Wände. Inmitten dieser Achsen hängen motorbetriebene, rotierende Glasplatten vor den Linsen. Das Licht wird nicht mehr zum Träger einer klaren Botschaft; es wird durch die Drehung abgelenkt, gebrochen und in den Raum gestreut.
Aufklärung findet nicht als Befreiung aus der Höhle statt, sondern als permanente, schwindelerregende Selbstdemontage des Mediums.
Kuball rehabilitiert die Utopien der frühen Moderne – namentlich die Licht-Raum-Modulatoren eines László Moholy-Nagy –, indem er sie gleichzeitig historisiert und bricht. Das Licht klärt uns in diesem Projektionsraum über nichts anderes auf als über seine eigene technologische Bedingtheit. Es gibt kein „Dahinter“ der Phänomene, keine metaphysische Sonne, die außerhalb des Raumes wartet. Die wirkliche Idee hinter der Natur ist bei Kuball die Architektur der Maschine selbst.
Wer die Werkstattgalerie Der Bogen betreten hat, erfuhr die Aufklärung als kinetischen Schock: Man sieht nicht durch das Licht, sondern man sieht das Licht im Kampf mit seiner eigenen Ablenkung.
Aufklärung im 21. Jahrhundert kann sich nicht mehr auf die reine Vernunft verlassen. Wenn Licht zur Ware wird – als Festbeleuchtung, als Überwachung, als Event –, verliert es seine befreiende Kraft. Kuballs Arbeiten scheitern produktiv an dieser Grenze. Sie wollen Erkenntnis stiften, dokumentieren aber oft nur die Unfähigkeit des modernen Menschen, im Dunkeln zu sehen. Der Weg zu den wirklichen Ideen führt in der Stadt der Leuchten nicht mehr ins Licht, sondern durch das bewusste Ertragen der Dämmerung.
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Weiterführend → Der Katalog ReferenzRäume informiert uns mittels eines orangenen Stickers, der auf das Zellophan, dass diese Publikation als Schutzhülle umgibt, aufgeklebt wurde, dass es sich bei dieser Publikation um ein „Künstlerbuch“ handelt. Besichtigen Sie Mischa Kuball ReferenzRäume.
→ Vertiefend zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Weiterführend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.
→ Zuvor betrachtete Stefan Oehm für KUNO Kuballs Lichtinstallation res·o·nant. Lesen Sie im Rahmen der public preposition ein Gespräch zwischen Vanessa Joan Müller und Mischa Kuball über öffentliche Beziehungen. Gleichfalls empfehlenswert das Ateliergespräch von Prof. Dr. Matei Chihaia mit Mischa Kuball.