Bewegte Bilder – unbewegte Menschen

Was viele aktuelle Filme angeht, ist Neheim eine Diaspora. Das betrifft bei weitem nicht nur Spielfilme, Dokumentarfilme finden man auf dem Spielplan allenfalls in Spurenelementen. Daher ist es ratsam, sich diese Filme auf DvD zuzulegen.

Ein Lichtspiel an der Fassade des Kinos.

„Warum wird diese Vivian Maier heute von Leuten zu einem Mysterium verklärt, die im Besitz des gesamten Materials sind? Die Frau, von der wir nun – dank des Films – glauben, dass wir sie kennen, wurde von ‚Leuten erfunden, die eine gute Story lieben‘,

Pamela Bannos, Fotografin und Maier-Expertin, die an der Northwestern University, Chicago unterrichtet.

Vor 20 Jahren bediente John Maloof ein Narrativ, für seinen Film Finding Vivian Maier nutzte er einesinnstiftende Erzählung zu, um damit eine bestimmte Perspektive zu fördern, ein Weltbild zu prägen oder Handlungen zu beeinflussen. Dabei transportierte er Ideen, Werte und Emotionen, die das Publikum anspricht und eine gemeinsame Sichtweise auf den Kunst-Betrieb schafft.

Kritiker wie Daniel Kothenschulte sprechen in diesem Zusammenhang von Spurenverwischung innerhalb eines publikumswirksamen Promotionfilms in eigener Sache, dessen Kapital die angeblich traurige Lebensgeschichte Vivian Maiers sei, und „die den Van-Gogh-Mythos vom lebenslang verkannten Künstler wiederaufleben lässt.“

Soweit zur Vorgeschichte: Wahrscheinlich aus Platzmangel und vorübergehender Wohnungsnot brachte Vivian Maier den größten Teil ihres fotografischen Besitzes in einem Mietlager unter, für das sie jedoch irgendwann die Mietzahlungen schuldig blieb – so wurde ihr privates Lebenswerk schließlich 2007 von einem Auktionshaus versteigert. Einer der Ersteigerer war Ron Slattery; für 250 $ erwarb er einen, gemessen am Gesamtumfang der Auktion, kleineren Posten von 1.200 unentwickelten Filmrollen und machte 2008 als Erster Vivian Maiers Aufnahmen in einem Internet-Blog öffentlich zugänglich. Dieser Blog blieb jedoch ohne nennenswerte Beachtung, denn Slattery sah sich anscheinend nicht veranlasst, für eine größere Resonanz zu sorgen (dass Slattery etwa nicht von der unerwarteten Berühmtheit Vivian Maiers und ihrer Fotografien hätte profitieren wollen, sollte sich einige Jahre später erweisen).

Der Spin von John Maloof folgt einem Eigendrehimpuls:

Ein Kindermädchen macht ihr Leben lang mit ihrer Roleiflex großartige Porträtphotos, veröffentlich sie jedoch nicht. Nach ihrem Tod ersteigert der vermeintliche Entdecker John Maloof 150.000 Bilder, stellt sie in Netz und macht sich mit Unterstützung des filmischen Biografen Charlie Siskel in einem Dokumentarfilm auf die Suche nach Zeitzeugen. Dolle Story!

Der Film Finding Vivian Maier folgt John Maloof bei seiner Aufarbeitung des Werkes der Fotografin Vivian Maier. Zu Anfang erklärt Maloof, wie er auf der Suche nach alten Fotos für eine Publikation zur Lokalgeschichte eine Kiste mit Negativen bei einer Auktion ersteigerte. Die Bilder stellten sich als für sein Projekt ungeeignet heraus, gefielen ihm aber, sodass er begann, nach der Fotografin zu suchen, von der er nichts als ihren Namen kannte.

Nach und nach entfaltet sich in diesem Narativ die unglaubliche Geschichte einer geheimnisvollen Unbekannten, die zu einer der bekanntesten Straßenfotografinnen des 20. Jahrhunderts wurde.

Der Name der Urheberin ist unbekannt, doch John Maloof gibt nicht auf. Er beginnt die Negative einzuscannen, kontaktiert Galerien und startet einen Fotoblog, denn er hält die Fotos für wertvoll. Seitdem arbeitet er unablässig, um Vivian Maiers Werke publik zu machen, die zudem in zahlreichen Ausstellungen weltweit der Öffentlichkeit präsentiert werden. Die Rückmeldungen auf Maloofs Veröffentlichungen sind unglaublich: Es scheint so, als würde jeder diese Fotos lieben. Deswegen möchte Maloof mehr über die Person Vivian Maier erfahren. Er beginnt zu recherchieren. Als er auf eine Telefonnummer stößt, kontaktiert er einen Mann, der ihm erstmals Informationen zu Vivian Maier geben kann: Sie war sein Kindermädchen, eine Einzelgängerin, hatte weder Familie noch Liebesleben, und trotzdem war sie wie eine Mutter für ihn. Nach und nach setzen sich ergeben sich weitere Puzzleteile. Vivian Maier wurde in New York als Tochter einer Französin geboren. Immer an ihrer Seite war ihre Rolleiflex, mit der sie im Laufe ihres Lebens mehr als 100.000 Aufnahmen machte, die sie jedoch streng unter Verschluss hielt. Während ihrer langen Jahre in Chicago arbeitete sie als Nanny, um uneingeschränkt ihrer Kunst nachgehen zu können. Alles andere schien ihr in ihrem Leben nicht wichtig zu sein.

Im 21. Jahrhundert existiert noch eine „Kunst um der Kunst willen“ (L’art pour l’art), also eine Ästhetik, die besagt, dass Kunst keinen moralischen, politischen, sozialen oder wirtschaftlichen Zweck erfüllen muss, sondern sich durch ihre reine ästhetische Form und Schönheit definiert. Diese Auffassung betont, dass Vivian Maiers künstlerische Gestaltung und das Streben nach dem Schönen der Kunst ihren Eigenwert verleihen, unabhängig von äußeren Zwecken oder Funktionen.

Zu einem Großteil der heute verbreiteten Biografie Vivian Maiers tragen im Wesentlichen zwei längere Dokumentarfilme bei, die in ihrer Darstellung von Maiers Lebensgeschichte deutlich voneinander abweichende Bilder zeichnen.

Im Sommer 2013 zeigte BBC One den Dokumentarfilm Vivian Maier: Who Took Nanny’s Pictures? der Regisseurin und Filmproduzentin Jill Nicholls. Ihr Film wurde rechtlich und inhaltlich als reine BBC-Dokumentation für das Fernsehen produziert, eine für den Verleih konzipierte Version war folglich nicht im Kino zu sehen. Infolge hoher Einschaltquoten wurde der Beitrag auf verschiedenen Kanälen von BBC One bis Ende 2014 mehrfach als Wiederholung gesendet.

Der Kunstbetrieb liebt solche Geschichten. Vivian Maiers Straßenphotographien werden nun eingereiht zwischen Helen Levitt, Lisette Model, Diane Arbus, André Kertész, Weegee oder Walker Evans. Das ist praktisch, zumal die Fotos von Maier erschwinglicher sein sollten, als Prints der Vorgenannten.

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Who Took Nanny’s Pictures?, von Jill Nicholls, BBC One 2013

Finding Vivian Maier, von John Maloof, Charlie Siskel, 2013

Weiterführend  Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

→ Walter Benjamins Kleine Geschichte der Photographie (1931) war einer der frühesten Versuche zum Verständnis der immer noch jungen Technik

Zum Thema ´Fotographie` lesen Sie auch den Nachruf über Peter Meilchens Lebenswerk und den Essay 50 Jahre Krumscheid / Meilchen über die Retrospektive im Kunstverein Linz sowie den Essay zum Buch / Katalog-Projekt 630.

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