Unbegreiflichkeit und Unaussprechlichkeit

„Biografen sind die Leichenfledderer der Literatur.“

Oscar Wilde

Zuweilen muss der Herausgeber den Lektüreschlüssel herumdrehen und ein Buch aus dem Giftschrank holen. Die Lektüre von Ernst Jüngers »In Stahlgewittern» ist kein ästhetisches Vergnügen, sondern eine notwendige Lektüre. Ebenso wie »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon oder »Hillbilly Elegy« von JD Vance ist dies eine Form des ´Sachbuchs` aus der Sicht des Täters, hier betreibt jedoch niemand Aufklärung, sondern die Verklärung des Ichs, diese Darlegungen sind ein Showbiz des Hässlichen.

„Wissen ist die Nahrung der Seele.“

Platon

Das Ego hat sich inzwischen zurückgenommen, die Äußerungen, die Verschriftlichung  sind weniger autobiographisch als auto-sozio-biographisch, will heißen, diese Form des Schreibens versteht sich als Hybrid zwischen autobiographischem Text und soziologischer Analyse. Autosoziobiographisches Erzählen erhebt somit den Anspruch, die narrative Darstellung des eigenen Lebens mit der Analyse gesellschaftlicher Problemlagen – oder zumindest deren literarisch verdichteter Beschreibung – zu verbinden. Das ist aus Sicht des Herausgebers ein Konstruktionsfehler.

Der Kunst dienen ist kein Kundendienst.

Franz Dahlem

Ein Re:Start könnte erst dann gelingen, wenn der Artist sich dafür entscheidet, hinter das Gemachte zurückzutreten. Der Herausgeber bleibt „Realo“, aber wie alle ästhetischen Realisten bildet auch ein Kurator nicht einfach ab, sondern wählt aus der Wirklichkeit aus. Als Kehrichtsammler der Tatsachen obliegt es ihm, die Realitätspartikel so zu organisieren, dass sie Bild ergeben.

Die Revolution findet nicht statt, alles bleibt Alltag.

Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was das Heimatliche ausmacht, geht es um den Verlust der lokalen Identität. Das Sauerland ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Diese Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografische Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichem Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die vermeintlichen Kleinigkeiten des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.