Als ich 1984 meine Examensarbeit mit dem Titel Punk – Nekrolog auf eine Bewegung vorlegte, verwechselte man die Toten Hosen in der BRD mit Punk.

Je weniger ein geschichtliches Ereignis die Fundamente der Gegenwart erschüttert hat, desto bereitwilliger öffnet das Museum seine Pforten. Der Staub, der sich auf die Exponate legt, ist die sedimentierte Beruhigung der herrschenden Klasse. Ein umstürzender Impuls, der die Produktionsverhältnisse unangetastet ließ, verwandelt sich unter den Halogenscheinwerfern der Vitrine augenblicklich in ein Fossil. Man besichtigt die Rebellion wie ein ausgestorbenes Tier; ihre Harmlosigkeit im Heute garantiert ihren Schauwert im Gestern. Was keine Folgen zeitigte, altert in doppelter Geschwindigkeit, weil es den lähmenden Trost spendet, dass alles beim Alten blieb.
Punk war das letzte Erschrecken – vor der Zombifizierung des Pop.
Punk im Museum ist die Totenmaske einer Bewegung, deren Dringlichkeit sich im Konsum von Devotionalien erschöpft. Die Sicherheitsnadel, einst Werkzeug zur rücksichtslosen Aneignung des eigenen Körpers gegen die Zumutungen der Industrie, wird zum fixierten Objekt unter Glas. Wo die Straße Schmutz und Lärm forderte, bietet die Institution die sterile Stille des Archivs. Diese Beschleunigung des Alterns ist ein dialektischer Trick der Kulturindustrie: Man feiert das Jubiläum, um die Leiche endgültig zu begraben. Die fünfzig Jahre sind keine Reifung, sondern die Verjährungsfrist einer verpassten Gelegenheit.
Sobald Punk mit deutscher Gründlichkeit erklärt wird, zerfällt dieser Trivialmythos zu Staub.
Die eigentliche Aktualität des Punk entscheidet sich nicht an der Frage seiner Musealisierung, sondern an seiner Nutzbarkeit für eine kommende Revolte. Solange die Ausstellungsmacher das Spannungsfeld zwischen Institution und Subkultur verwalten, betreiben sie nur die Inventarisierung eines Nachlasses. Erst wo die Erinnerung aus dem Archiv ausbricht und sich als Werkzeug der Gegenwart anhebt – unbemerkt von den Kuratoren, auf den staubigen Straßen abseits der Museen –, verliert die Geschichte ihr museales Aussehen. Die Folgenlosigkeit wird erst in dem Moment aufgehoben, in dem das historische Fragment die Gegenwart schmerzt.
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Be Realistic: Demand, ab 22. Oktober im Theatermuseum Düsseldorf. Öffnungszeiten: Mittwoch bis Donnerstag: 12 bis 18 Uhr. Freitag 12 bis 21 Uhr. Samstag und Sonntag: 12 bis 18 Uhr

Weiterführend → Eine erste Erinnerung an das Pleistozän des Punk. Lesenswert auch der Essay von Peter Glaser: Attrappe einer Kulturgeschichte von neulich. Der „Ratinger Hof“ bildete in Düsseldorf eine subkulturelle Scharnierstelle. Die Rheinmetropole war so etwas wie die heimliche Hauptstadt der alten BRD, im Bermuda-Dreieck zwischen der Uel, dem Einhorn und dem Ratinger Hof traf man auf geballte Zeitgeist–Kompetenz.
Würdigung → Die beeindruckende Dokumentation von Ralf Zeigermann über die Ratinger Straße ist inzwischen ein begehrtes Sammlerexemplar, es wurde in einer bedruckten Blechkassette geliefert, die zusätzlich auch eine Reproduktion des Tickets für das Wire-Konzert von 9. November 1978 im Ratinger Hof sowie einen Druck des Titelbildfotos auf 350g/qm-Karton enthält.