Der Fährverkehr

Wer den Steg betritt, zahlt nicht für die Überfahrt, sondern für den Austritt aus dem Gesetz der Schwerkraft. Die Münzen, die über den Zahltisch geschoben wird, ist das Lösegeld für die festgefahrenen Stunden in den Kontoren und Mietskasernen.

Ein Betriebsausflug mit Martin Vanselow auf dem Möhnesee bei einem Kännchen Kaffee und gedecktem Apfelkuchen.

Das Wasser wird nicht einfach verdrängt; es wird geschlagen. In der imaginierten mechanischen Agonie des Schaufelrads spiegelt sich die Anstrengung des Städters, die Zeit in Schaum zu verwandeln. Jeder Schlag ein Takt des Vergessens, der die Uferböschung in eine Kulisse verwandelt, die nur noch dazu da ist, langsam am Betrachtenden vorbeizuziehen.

Während unten im Bauch die Maschinen schwitzen, wird oben das Panorama konsumiert. Hier zeigt sich die Masse als Schau-Lustige. In den Ferngläsern, die vor die Augen gepresst werden, sucht man nicht das Ferne, sondern die Bestätigung, dass das Nahe – das Haus, die Fabrik, die eigene Sorge – tatsächlich kleiner geworden ist.

Der Moment der größten Gefahr. Wenn die Taue ausgeworfen werden und das Schiff gegen den Anleger kracht, erzittert die Illusion. Für eine Sekunde kehrt das Gewicht der Welt zurück. Die Passagiere stehen gedrängt an der Reling, bereit, das gelobte Land des Kaffeedecks zu stürmen, als hänge ihr Leben von der Geschwindigkeit ab, mit der sie den ersten Löffel Schlagsahne zum Mund führen.

Wer sich über die Grenze zwischen Melancholie und Abenteuer beugt, sieht im Kielwasser die eigene Biografie in weißen Wirbeln zerfließen. Das Schiff ist die einzige Architektur, die es erlaubt, dem eigenen Standort beim Verschwinden zuzusehen. In der Dämmerung wird der Dampfer zum Geisterschiff. Die Euphorie ist verraucht wie der Kohlenstaub. Man sitzt nun mit dem Rücken zur Fahrtrichtung, die Gesichter vom Wind gerötet und von der Erkenntnis gezeichnet, dass der See ruht und die Möhne weiterfließt…

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.