Auf der Suche nach Worten für das Unaussprechliche wird ein Spiel mit Fundstücken in einem Patchwork der Geschichten.

Das Fragmentarische birgt mehr Wahrheit als das Geschlossene. Ein Herausgeber ordnet nicht, um zu beherrschen, sondern um nach und nach Möglichkeiten zu entfalten. Er schafft ein Gefüge, in dem Fotografie und Erzählung, Beobachtung und Reflexion einander durchdringen und den Leser einladen, selbst zum Sammler und Arrangeur zu werden. Ein Kurator bringt verstreute Partikel – Dokumente, Anekdoten, Splitter der Realität – in eine vorübergehende Konstellation bringt. Geschichte wird von ihm als dynamisches Reservoir begriffen: Nichts ist abgeschlossen, alles ist Material. Er lässt den Fundstücken ihren Eigenwert, beraubt sie nicht ihrer Rätselhaftigkeit, sondern setzen sie in Spannungsverhältnisse.
Während das Archiv oft ein Ort des Stillstands ist, wird es bei Vanselow und Schmidt zum Labor. Die ordnende Hand greift in das Chaos der Überlieferung und bildet Nachbarschaften, die im realen Zeitstrahl so nie existiert haben. Dadurch entstehen künstlerische Resonanzräume.
Die historische Figur des Genies stand bislang für Autorschaft als alleinige kreative Quelle, ein individueller schöpferischer Akt, der Originalität, Intuition und persönliche Genialität vereint. Diese Vorstellung ist tief verwurzelt in romantischen und bürgerlichen Kulturidealen des 18.–19. Jahrhunderts, die Schöpfer als originäre Urheber von Bedeutung und Wert begreifen. Im digitalen Zeitalter verändert sich dieses Paradigma gravierend. An die Stelle des Genies tritt im 21. Jahrhundert zunehmend der Kurator – nicht länger nur als Museumsfunktionär, sondern als Netzwerker, Sammler, Arrangeur und Interpreter von bereits vorhandenem Material. Anhand formaler, epistemologischer und gesellschaftlicher Aspekte lässt sich zeigen, wie und warum der Kurator das Genie auf das Altenteil geschickt hat.
In der digitalen Sphäre des Re:Mix ist das Material bereits vorhanden. Die Autorität des Kurators speist sich nicht aus seiner schöpferischen Kraft, sondern aus seiner Verknüpfungskompetenz. Das „Patchwork“ ist somit die ehrlichere Form der Zeitgenossenschaft: Alles Erzählen war immer schon ein Reagieren auf Bestehendes.
Die bürgerliche Vorstellung des Genies wurzelt in der Romantik und der Aufklärung. Immanuel Kant definierte das Genie als jene natürliche Gabe, die der Kunst die Regel gibt, ohne selbst nach Regeln zu verfahren – ein schöpferisches Individuum, das aus innerer Notwendigkeit heraus Neues hervorbringt. Im 19. Jahrhundert wurde diese Idee zur ideologischen Stütze des Bürgertums. Der Autor als autonomes Subjekt, dessen Werk geistiges Eigentum ist, schützt durch Urheberrecht und literarische Formen wie den Entwicklungsroman die Illusion linearer Fortschritts- und Identitätsbildung. Goethe oder Beethoven verkörperten diesen Typus, der Genius als Ausnahmemensch, dessen Schöpfungskraft die bürgerliche Gesellschaft zugleich bewunderte und disziplinierte. Die lineare Erzählung mit ihrem „roten Faden“ spiegelte diese Weltsicht wider – eine klare Chronologie von Ursache und Wirkung, von Genie und Meisterwerk.
In der künstlerischen Welt von Vanselow und Schmidt ist das ´Patchwork` Programm: Es ersetzt die Souveränität der Schöpfung durch die Präzision der Auswahl.
Bereits im 20. Jahrhundert begann diese Vorstellung zu bröckeln. Die Avantgarden – Dada, Surrealismus, später die Konzeptkunst – stellten die Originalität infrage. Marcel Duchamps Ready-mades machten den Akt der Auswahl zum künstlerischen Gestus. Der kürzlich verstorbene Alexander Kluge radikalisierte dies in Literatur und Film, seine Montagen aus Zeitungsausschnitten, Interviews, Fotos und Anekdoten bilden kein geschlossenes Werk, sondern einen „Verbund“ – ein Netzwerk von Beziehungen, das den Zuschauer oder Leser zum Mitproduzenten macht. Kluge verweigert die „dramaturgische Inzucht“ linearer Narrative und setzt stattdessen auf die „Formenwelt des Zusammenhangs“. Bedeutung entsteht nicht aus dem Inneren des Genies, sondern aus der Kollision disparater Fundstücke. In der Postmoderne vollendete Roland Barthes diese Demontage: Der „Tod des Autors“ erklärt den Text zu einem „Gewebe von Zitaten“, in dem der Leser – oder eben der Kurator – die eigentliche Autorschaft übernimmt.
In Werken wie „Schmieds Katze“ wird deutlich, dass die Wahrheit nicht mehr in der Tiefe einer einzelnen Stimme liegt, sondern in der Breite der Vernetzung. Der Kurator ist kein Schöpfergott – er arrangiert das Unvorhersehbare.
Im digitalen Zeitalter wird diese Verschiebung zur Norm. Das Internet ist das größte jemals existierende Archiv von Fundstücken; Milliarden von Bildern, Texten, Videos warten auf Auswahl und Verknüpfung. Hier regiert nicht mehr die Knappheit der Idee, sondern die Überfülle der Daten. Der kreative Akt verlagert sich vom Erfinden zum Kuratieren – vom Schaffen zum Sichten. Algorithmen von Plattformen wie Instagram, TikTok oder Netflix agieren als unsichtbare Super-Kuratoren; Sie filtern, empfehlen, montieren personalisierte Netzwerke aus vorhandenem Material. Der Nutzer selbst wird zum Kurator seiner Identität: Playlists auf Spotify, Story-Highlights, Memes als kollaborative Remixe. Lawrence Lessig hat diese Kultur als „Remix-Kultur“ beschrieben – nicht Diebstahl, sondern legitime Fortsetzung künstlerischer Tradition. Lev Manovich sprach von der Datenbank als neuer kultureller Form: Statt narrativer Linearität dominiert das Prinzip von Auswahl und Kombination.
Dieser Ansatz spiegelt einen fundamentalen kulturellen Wandel wider. Während das bürgerliche Genie des 18. und 19. Jahrhunderts als autonomer Schöpfer gefeiert wurde, der aus dem „Nichts“ (oder dem göttlichen Funken) heraus Originalität generierte, tritt im digitalen Zeitalter der Kurator an seine Stelle.
Genau hier setzt „Schmieds Katze“ an. Martin Vanselows Streetphotography fängt zufällige, unvorhersehbare Momente des Alltags ein – keine inszenierten Meisterwerke, sondern Ausschnitte der Realität. Félin Murr beobachtet durch die Perspektive einer Katze. Ihre Vertellstückskers sind kurze, autosoziobiografische Erzählfragmente, die keine geschlossene Biografie ergeben, sondern ein Patchwork aus Dissonanzen, Derealisationen und lokalen Sprachereignissen. Dazu gesellt sich Johannes Schmidt als Herausgeber, der diese Online-Publikation kuratiert. Nichts wird psychologisch erklärt, nichts hierarchisch geordnet. Stattdessen spürt die Katze „dem nach, was im Unterschied zur Schrift keine feste Form oder Struktur hat“. Die Gestaltung wird zur kuratorischen Entscheidung – eine Auswahl ästhetischer Prinzipien, die das Unvorhersehbare rahmt, ohne es zu domestizieren. Das Ergebnis ist kein Roman im bürgerlichen Sinne, sondern ein Netzwerk: Fotos und Texte verweisen aufeinander, erzeugen Assoziationen, lassen Lücken. Der Leser wird zum Mit-Kurator, der die Montage weiterdenkt.
„Schmieds Katze“ ist ein faszinierendes Spiel mit Fundstücken in einem Patchwork der Geschichten. Die Autoren setzen quasi die Sammelleidenschaft Alexander Kluges fort, indem sie Geschichte nicht als starre Abfolge von Fakten begreifen, sondern als dynamisches Reservoir an Möglichkeiten – voller unerwarteter Verknüpfungen, lokaler Anekdoten und offener Horizonte.
Wenn Martin Vanselow und Johannes Schmidt in „Schmieds Katze“ Fundstücke – Streetphotography aus dem Sauerland und Vertellstückskers aus dem Alltag Neheims – zu einem Patchwork der Geschichten zusammenfügen, agieren sie weniger als klassische Autoren denn als Kuratoren des Unvorhersehbaren. In der Tradition Alexander Kluges verweigern sie sich der linearen Geschichtsschreibung. An die Stelle des roten Fadens tritt die Montage, an die Stelle der Chronologie das Netzwerk. Diese ästhetische Entscheidung ist kein Zufall, sondern Symptom einer tieferen Verschiebung. Im digitalen Zeitalter hat der Kurator die bürgerliche Vorstellung des Genies weitgehend abgelöst. Nicht der einsame Schöpfer, der aus dem Nichts das Neue erschafft, sondern der Arrangeur, der Vorhandenes sichtet, verknüpft und kontextualisiert, prägt heute das kulturelle Schaffen. Diese Ablösung ist keine bloße Mode, sondern eine notwendige Reaktion auf die Überfülle digitaler Archive, auf die Demokratisierung der Produktion und auf die Erkenntnis, dass Bedeutung nicht mehr in der Originalität, sondern in der Relationalität entsteht.
Wie bei Alexander Kluge wird die Montage zum eigentlichen Akt der Autorschaft. Der Kurator schafft keinen Text, sondern einen Kontext. Er agiert als Filter in einer Aufmerksamkeitsökonomie, in der die „Vernetzung“ wichtiger ist als die „Erfindung“.
Diese Fundstücke – Fotografien, Vertellstückskers, Beobachtungen – wirken zunächst disparat. Sie erinnern an Kluges Methode des Sammelns und Montierens: Der Autor und Filmemacher Kluge verstand Geschichte als „Labyrinth der zärtlichen Kraft“ oder als „Chronik der Gefühle“, in der Splitter, Scherben und Mosaiksteine wichtiger sind als glatte Narrative. Kluge sammelte nicht, um zu archivieren, sondern um Möglichkeiten freizulegen – Eigensinn gegen starre Strukturen. Schmidt und Vanselow tun Ähnliches auf der Mesoebene: Sie greifen lokale „Fundstücke“ auf und stellen sie in ein Patchwork, das Provinz nicht als Enge, sondern als reiches Reservoir zeigt.
Der Herausgeber vertraut darauf, dass der Leser die Leerstellen zwischen den Patchwork-Teilen füllt. Schmieds Katze schafft die Infrastruktur für Assoziationen. Sie rettet das Einzelne vor dem Vergessen, indem sie es in einen neuen Kontext einbettet – eine Hommage an Kluges Ideal der „Lernprozesse mit tödlichem Ausgang“ und der unendlichen Querverweise.
Schließlich ist da noch die Gemeinschaft, die durch Wiederentdecken entsteht. Sammlerindividualismus wäre armselig; die Kraft liegt im Austausch, im gemeinsamen Sichten von Fragmenten. Wenn Texte und Bilder wie Kluge’s und wie „Schmieds Katze“ Lesende zusammenbringen, entsteht ein öffentliches Feld, in dem das Unbekannte artikuliert und erprobt werden kann. Diese Gemeinschaft ist nicht homogen: sie lebt von unterschiedlichen Erinnerungen und Kompetenzen, die in Kontakt treten und sich wechselseitig befragen.
Ein einzelnes Detail wird unter das Mikroskop gelegt, bis darin die Strukturen der gesamten Epoche sichtbar werden – eine Technik der Pars pro toto-Montage.
Der Zauber des Unbekannten beim Wiederentdecken ist also kein bloßer Effekt des Geheimnisvollen. Er ist eine produktive Funktion: eine Methode, die Vergangenheit als Potential behandelt, eine Haltung, die Unabgeschlossenes zulässt, und eine Einladung an die Gegenwart, mit den Dingen weiterzuarbeiten. In einer zerrissenen Welt, so die These solcher Sammlungen, gibt es Risse, die nicht nur Trennung markieren, sondern auch Türen: Lücken, durch die das Weitermachen möglich ist. Wer wiederentdeckt, eröffnet Räume — und gibt damit die Chance, zu bleiben und weiterzugehen.
Wie Kluge orientieren sich auch Schmidt an der Tradition der Grimm’schen Forschung. Sie betreiben eine Art literarische Archäologie, bei der das Aufspüren von Volksweisheiten, Alltagsbeobachtungen und historischen Details dazu dient, das „Wesen der Zeit“ zu verstehen und für die Gegenwart nutzbar zu machen.
Zentral für Kluge war die Idee, dass in vergangenen Erfahrungen Potenziale schlummern, die noch nicht ausgeschöpft wurden. „Schmieds Katze“ greift genau diese „Lücken“ in der Geschichte“ auf. Die Autoren suchen nach Momenten, in denen alternative Auswege aus Katastrophen aufleuchten – Erfahrungen, die für unsere heutige Welt noch immer relevant sind, um „warm zu bleiben“. In einer Welt, die sich oft zerrissen und erschöpft anfühlt, ist dieses „Wieder-Finden“ ein Akt des Möglichkeitssinns. Wir lesen nicht nur, um zu wissen, was war, sondern um zu ahnen, was noch sein könnte. Das Unbekannte verbirgt sich hierbei nicht in fernen Galaxien, sondern in der „Lücke“ zwischen den Fakten, im Unscheinbaren, das die großen Chronisten übersehen haben. Wer wie Kluge (oder Schmidt) sammelt, schafft einen Wärmestrom: Er verbindet die Kälte der historischen Fakten mit der Lebendigkeit menschlicher Erfahrung.
Durch die Montage wird die klassische Chronologie aufgebrochen. Ein Ereignis aus dem 18. Jahrhundert kann direkt neben einer Beobachtung aus der Gegenwart stehen. Diese Nachbarschaft von Zeit-Ebenen lässt uns erkennen, dass historische Probleme oft zyklisch sind oder unter der Oberfläche der Moderne weiter schwelen.
Wenn wir uns dem Unbekannten öffnen wollen, müssen wir langsam lesen, assoziativ denken, Vergangenes gegenwärtig halten. Wir müssen uns erlauben, Bruchstücke zu sammeln, Notizen zu machen, Hypothesen zu bauen und wieder zu verwerfen. Wir müssen kleine Experimente wagen — Geschichten anders erzählen, Alltagstechniken erinnern, Verschwundenes provisorisch wiederbeleben. Die künstlerische oder intellektuelle Praxis des Sammelns ist dabei weniger ein Rückzug als ein aktives Eingreifen: eine Form, die Möglichkeiten hervorbringt, statt Gewissheiten zu behaupten. In „Schmieds Katze“ nutzen Martin Vanselov und Johannes Schmidt die Montagetechnik als ein Instrument der Erkenntnis. Sie setzen Fragmente so zusammen, dass historische Ereignisse ihre scheinbare Eindeutigkeit verlieren und stattdessen neue, oft überraschende Bedeutungsebenen offenbaren.
Das Ereignis erscheint nicht als fertiges Bild im Museum, sondern als ein „offenes Kunstwerk“, das erst durch unsere heutige Interpretation vervollständigt wird.
So wird aus „Schmieds Katze“ mehr als ein lokales Projekt: Es ist ein Plädoyer für eine lebendige, nicht-lineare Auffassung von Geschichte und Erzählung. Oft wird ein großes historisches Ereignis (eine Katastrophe oder ein Krieg) durch die Montage mit einer völlig banalen Alltagsbeobachtung verknüpft – eben der sprichwörtlichen „Katze“, die unbeteiligt durch das Bild läuft. Diese Perspektivverschiebung rückt das Große ins Kleine und macht die Geschichte greifbarer und „wärmer“, ganz im Sinne Alexander Kluges. Die ordnende Hand des Herausgebers – hier verkörpert durch Johannes Schmidt – erweist sich als zärtliche, beharrliche Kraft. Sie hält das Reservoir offen, damit die Katze weiter beobachten, die Fundstücke weiter wandern und die Geschichten weiter wachsen können. In einer Zeit, die nach einfachen Erzählungen verlangt, erinnert dieses Patchwork daran, dass wahre Ordnung im Respekt vor dem Ungeordneten liegt.
Da die Montage bewusst Lücken lässt, müssen die Leser die fehlenden Verbindungsglieder selbst finden.
Indem Johannes Schmidt als Kurator agiert, verweigert er sich nicht nur der bürgerlichen Genie-Idee – er demonstriert deren Obsoleszenz. An ihre Stelle tritt eine Ästhetik der Vernetzung, die offener, fragiler und damit menschlicher ist. Der Kurator kuratiert nicht Kunst, sondern die Wirklichkeit selbst.
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Lebensläufe, von Alexander Kluge. Suhrkamp 1962

Weiterführend → In einer Zeit, in der klassische Institutionen noch immer das Narrativ des ´schwierigen Genies` pflegen, um schlechtes Benehmen zu romantisieren, steht „Banned in D.C.“ für das genaue Gegenteil: für die unbändige Kraft, die entsteht, wenn eine Combo nicht als Summe von Egos, sondern als kollektives Widerstandsmoment agiert.
→ Ein Beitrag zur Evolutionsgeschichte des Essays.