Kulturelle Identität

Anläßlich des 100. Geburtstags von Siegfried Lenz eine Überlegung über seinen Versuch in der Zeit zurückzugehen, um sie literarisch aufzuheben.

Ein Blick vom Sitz des Heimatbundes (Burghaus Freseken), auf das alte Strohdorf von Neheim.

Der Begriff der ´Heimat` hat in der deutschen Literatur einen besonderen Stellenwert. Siegfried Lenz und Johannes Schmidt betrachten diesen Begriff aus differenzierten Perspektiven, die sowohl persönliche als auch kollektive Erfahrungen reflektieren. Während Lenz Heimat als eine melancholische Erfindung betrachtet, beschreibt Schmidt die spezifische Erlebniswelt eines Natural Born Neheimers.

„Heimat ist nur eine Erfindung der Melancholie“ – mit diesem Satz aus seinem Roman „Heimatmuseum“ hat Siegfried Lenz den wohl radikalsten und zugleich tröstlichsten Beitrag zur deutschen Heimatdebatte des 20. Jahrhunderts geleistet. Für Lenz ist Heimat kein Ort, den man besitzen oder bewohnen kann. Seine Behauptung, Heimat sei eine „Erfindung der Melancholie“, legt nahe, dass das Gefühl von Zugehörigkeit erst in der Rückschau und durch den Verlust entsteht. Heimat ist bei ihm ein Konstrukt des Geistes – ein Versuch, die Leere der Gegenwart mit der verklärten Erinnerung an eine Vergangenheit zu füllen, die es so vielleicht nie gab. Sie ist eine schützende Illusion gegen die Unbehaustheit der modernen Existenz.

Der Herausgeber Johannes Schmidt hingegen holt den Begriff ´Heimat` radikal in die Provinz und ins Hier und Jetzt. Der Natural Born Neheimer definiert seine Identität nicht über stille Reflexion, sondern über das Ritual. Die Dreieinigkeit aus Trinken, Taumeln und Transzendieren beschreibt Heimat als einen Zustand der Entgrenzung. Das Schützenfest fungiert hier als sakraler Raum: Trinken und Taumeln stehen für die Erdung im Gemeinschaftlichen und das Aufgeben des isolierten Individuums. Transzendieren ist der Moment, in dem der Neheimer im Rausch über den grauen Alltag hinauswächst. Das Schützenfest, jenes Ritual aus Schießstand, Bierzelten, Umzügen und Königsschuss, betrachtet er als zentrales Heimatritual. Nach erfolgreich bewältigtem Fest – also nach dem obligatorischen Besäufnis – tritt die Dreieinigkeit in Kraft: Trinken (das soziale Bindemittel), Taumeln (der körperliche Beweis, dass man dabei war) und Transzendieren (das kurze, alkoholisch herbeigeführte Gefühl, über sich und die Alltagssorgen hinauszuwachsen).

Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, verlor seine Heimat 1945 durch Flucht und Vertreibung. Dieser biografische Bruch durchzieht sein gesamtes Werk. Im Heimatmuseum erzählt er von Zygmunt Rogalla, der in Schleswig-Holstein ein Museum seiner masurischen Heimat aufbaut – mit Trachten, Gerätschaften, Erinnerungsstücken. Als revanchistische Vertriebenenverbände das Museum politisch vereinnahmen wollen, zündet Rogalla es selbst an. Die Botschaft ist unmissverständlich: Heimat lässt sich nicht konservieren, schon gar nicht ideologisch instrumentalisieren. Sie ist kein Ort, den man besitzen oder zurückerobern kann. Sie entsteht erst in der Sehnsucht nach dem Verlorenen – und genau deshalb ist sie „nur eine Erfindung der Melancholie“. Lenz verweigert sich damit sowohl der naiven Heimatfilm-Romantik der 1950er Jahre als auch dem nationalistischen Heimatdiskurs der Vertriebenenverbände. Heimat wird bei ihm zu einer inneren, erzählbaren Größe: etwas, das nur in der Literatur, in der Erinnerung, in der Trauer wiederkehren kann.

Johannes Schmidt hingegen schreibt aus der Mitte der Provinz. Geboren 1958 im Bergischen Land, aufgewachsen in proletarischen Verhältnissen, später Betreuer behinderter Menschen, lebt und publiziert er in Neheim an der Ruhr. Sein Buch „Schmieds Katze “ versammelt skurrile, unterhaltsame und zugleich sozialkritische Geschichten aus dem Alltag einer Kleinstadt im Sauerland. Schmidt hat seine Heimat nicht verloren und genau deshalb kann er sie mit einer Mischung aus Zärtlichkeit und Spott beschreiben. Heimat ist in Neheim kein Museum, das man irgendwann anzünden muss, sondern ein Zustand, den man sich jedes Jahr aufs Neue antrinkt. Der Natural Born Neheimer braucht keine ostpreußische Masurensehnsucht – er hat seinen Schützenkönig, seinen Kater am nächsten Morgen und das diffuse Gefühl, dass genau dieser Ort, genau diese Leute, genau dieses Fest irgendwie „zu Hause“ sind.

Beide Autoren entmystifizieren Heimat, aber aus entgegengesetzten Richtungen. Lenz schreibt aus der Erfahrung des Verlusts und macht daraus eine existentielle Einsicht: Heimat ist immer schon verloren, gerade deshalb erfinden wir sie immer wieder neu – melancholisch, schmerzhaft, aber auch befreiend. Schmidt schreibt aus der Erfahrung der Kontinuität und macht daraus eine anthropologische Beobachtung.

Lenz’ Sichtweise impliziert, dass die Vorstellung von Heimat, die oft mit Geborgenheit und Identität verknüpft wird, in Wahrheit durch Melancholie und Nostalgie beeinflusst ist. Die Sehnsucht nach Heimat wird durch das Unvermögen, diese idealisierte Vorstellung in der Realität zu verwirklichen, verstärkt. Diese duale Natur von Heimat – sowohl ein Ort des Trostes als auch der Traurigkeit – spiegelt sich in seinen literarischen Figuren wider, die oft auf der Suche nach Zugehörigkeit und Identität sind.

Schmidt legt den Fokus auf die sozialen und kulturellen Rituale, die das Gefühl von Heimat prägen. Das Schützenfest, ein zentrales Element der neheimischen Identität, wird zum Symbol für Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit. Hier wird Heimat nicht nur als nostalgische Konstruktion wahrgenommen, sondern als lebendige, dynamische Erfahrung, die durch Partizipation definiert wird. Die Heimat wird durch gemeinsame Erlebnisse, Feiern und Traditionen konkretisiert und damit in der Gegenwart verankert.

In einer globalisierten Welt, in der Menschen ständig umziehen, migrieren oder digital entwurzelt sind, wird Heimat weder durch Blut und Boden noch durch romantische Landschaftsbilder definiert, sie wird zur individuellen und lokalen Erfindung. Der Heimatbegriff bei Siegfried Lenz und Johannes Schmidt offenbart die Komplexität und Vielschichtigkeit dieser Thematik. Während Lenz die melancholische Dimension der Heimat ins Zentrum stellt, stellt Schmidt die dionysische Gemeinschaftserfahrung in den Vordergrund. Zusammen bieten sie die Möglichkeit, Heimat als ein dynamisches Konstrukt zu begreifen, das sowohl von Erinnerungen als auch von gegenwärtigen sozialen Praktiken geprägt wird. Indem wir diese unterschiedlichen Sichtweisen betrachten, können wir ein tieferes Verständnis für das Konzept der Heimat und ihre Bedeutung im Leben des Individuums und der Gemeinschaft gewinnen.

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Heimatmuseum von Siegfried Lenz im Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1978

Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

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