„Anhand dieser Kunst können Sie die Variationen der 23 Buchstaben betrachten…“
Robert Burton

Damit etwas Wesentliches in die Erinnerung zurückkehrt, muss zuweilen erst das ungenannt Andere in Vergessenheit geraten. Dieses Vergessen ist keine Fehlfunktion des Geistes, sondern seine wichtigste Aufräumaktion. Erst wenn das Rauschen des Belanglosen verstummt, gewinnen die wesentlichen Konturen der Erinnerung an Schärfe. In diesem Spannungsfeld zwischen Löschen und Bewahren bewegt sich seit jeher die Literatur: Sie ist das künstliche Gedächtnis der Menschheit, ein Konstrukt aus Fiktion und Wahrheit, das uns lehrt, die Welt durch die Brille des „Als-ob“ zu begreifen.
Das Spiel mit Fiktion und Wahrheit und der Trug von Erzählungen, denen man kritiklos erliegt, sind seit ehedem das Grundkonstrukt der Literatur.
Der Mensch muss vergessen, um zu gewichten. Eine KI hingegen operiert auf der Basis totaler Präsenz. In ihren Algorithmen ist das „ungenannt Andere“ nicht verloren, sondern statistisch verfügbar. Doch gerade hier liegt die Gefahr: Wenn alles gleichzeitig da ist, verliert das Einzelne seine Bedeutung. Die KI spielt das Spiel mit Fiktion und Wahrheit nicht aus einer künstlerischen Absicht heraus, sondern als Resultat von Wahrscheinlichkeiten. Sie halluziniert nicht, weil sie träumt, sondern weil sie die Lücken in ihrem Datensatz mit dem plausibelsten Trugbild füllt. Seit dem Einsatz von KI stellen sich neue Fragen:
Wer darf noch Geschichten erzählen? – Was traut man einem unzuverlässigen Erzählen zu? – Welcher Medienkonzern hat die Kontrolle über das „Narrativ“?
Spätestens seit dem – in den 1960-er Jahren von St. Magnus verkündeten – „Tod der Literatur“ ist der Ort der Dichtkunst nicht mehr ihre Quelle, sondern nurmehr das Lesen selbst. Diesen Tod betrachtete er als eine Metapher; damals wie heute erschröckt die ´Teutsche Intelligenzija` allenfalls konzeptionell. Dies erscheint nach 50 Jahren als eine sehr grobe Verkürzung. Wir erliegen Erzählungen oft deshalb kritiklos, weil sie sich „richtig“ anfühlen – sie bedienen unsere Sehnsucht nach Kohärenz. Die KI ist die Meisterin dieser ästhetischen Mimikry. Sie kann den Tonfall der Melancholie oder den Rhythmus eines Epos perfekt imitieren. Die literarische Möglichkeit der KI liegt darin, uns einen Spiegel vorzuhalten: Sie zeigt uns, wie formelhaft unsere eigenen Mythen oft sind. Doch während die klassische Literatur durch das bewusste Weglassen von Wahrheit eine tiefere, subjektive Realität schafft, bleibt die KI an die Oberfläche des bereits Gesagten gebunden. Ihr fehlt die Fähigkeit zur aktiven Verdrängung, die notwendig wäre, um etwas wirklich Neues, Wesentliches aus dem Schatten treten zu lassen. Was aber gesagt werden sollte, bestimmte Teile der Literatur sehen in der Nachbetrachtung alt aus, bereits weit vor der Zeit gealtert. Neue Texte werden inzwischen aus dem Fundus zusammengesetzt, was die Programmierer der KI eingespeist haben, z.B. diese Lyrics: „Das sind Geschichten, in Büchern gelesen / Geschichten aus dem täglichen Sterben / Geschichten die mir keiner glaubt / Das sind Geschichten und sie sind geklaut“, wusste bereits Peter Hein.
´Mnemosyne` ist eine Gestalt der griechischen Mythologie sowie ein Fluss in der Unterwelt, dessen Wasser im Gegensatz zur Lethe nicht das Vergessen, sondern die Erinnerung herbeiführte.
Es ist nicht an der Zeit gegenüber gegenwärtigen Tendenzen und zukünftigen Entwicklungen in einen zynischen Kulturpessimismus zu verfallen. Wie bestens ausgestattete Bibliotheken bezeugen, ist der Tod der Literatur noch nicht eingetreten. Damit Poesie uns auch weiterhin im Kern berührt, muss sie riskieren, falsch verstanden zu werden oder ins Leere zu laufen. Die KI hingegen ist darauf programmiert, „passend“ zu sein. Ihre größte Stärke – die fehlerfreie Reproduktion des Bekannten – ist gleichzeitig ihre literarische Schwäche. Wahre Poesie entsteht oft erst dort, wo das System versagt, wo das Gedächtnis lückenhaft wird und die Imagination die Leere füllen muss. Zwischen dem Gilgamesch-Epos und den Lyrics von Peter Hein hat sich derweil so viel Poesie angesammelt, um für die Lesenden (und selbstverständlich die Hörenden!) gleich für mehrere Leben zu füllen.
Erinnerungen dienen als Sprungbrett in die Zukunft.
Das multiple Schreiben wird entwirrt, die Einheit des Textes entsteht nicht mehr durch einen auktorialen Erzähler. Der verantwortungsvolle Umgang mit dem althergebrachten Essay verlangt eine neue Form der Quellen-Souveränität. Wir müssen lernen, die Schönheit der algorithmischen Erzählung zu schätzen, ohne ihre Herkunft zu vergessen. Die Literatur der Zukunft wird nicht durch die Abwesenheit von KI definiert, sondern durch die menschliche Entscheidung, wo die Fiktion enden muss, damit die Wahrheit nicht im Rauschen der Wahrscheinlichkeiten untergeht. Das autosoziobiographische Erzählen ist nicht mehr auf die Person zentriert, die ihn verfasst hat. Dieses Schreiben ist der Raum, in dem die tyrannische Figur des Genies verschwindet; nicht mehr der Autor, sondern die Sprache spricht. Das Schreiben ist somit dort positioniert, wo es hingehört, in der Sprache selbst. Das multiple Schreiben entsteht nicht mehr durch einen Doc Allwissend, sondern durch die Verknüpfungskompetenz der Lesenden.
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Luther Blissett geht es nicht um die Person, sondern um die Aktion. Er ist der lebende Beweis dafür, dass eine Idee mächtiger ist als ein Name. Wer ihn fassen will, greift ins Leere – und genau in diesem Leeren liegt die Freiheit seines essayistischen Schaffens. Ein Essay von Luther Blissett ist weniger ein fixiertes Statement als ein offenes Experiment – ein Text, der irritiert, provoziert und aktiviert; ein Text, der mehr Fragen stellt als Antworten liefert, weil genau das der richtige Modus ist, wenn Dichtung und Wahrheit sich nicht trennen lassen.
In einer Zeit, in der Algorithmen unsere Feeds kuratieren und jede Identität zur Playlist wird, erinnert Luther Blissett daran, dass ein Essay Widerstand sein kann. Kein Widerstand der großen Geste, sondern der kleinen, fragmentarischen, beharrlichen. Er schreibt nicht über Neheim – er schreibt mit Neheim, wer den Essay liest, wird selbst zum Blissett: jemand, der das Gelesene weiterverwebt, weiterarrangiert, weitererfindet.
Sich Luther Blissett zu nähern bleibt unmöglich. Gerade deshalb ist er der ideale Essayist für Schmieds Katze. Er ist nicht da, um verstanden zu werden. Er ist da, um das Verstehen selbst zu einem offenen Spiel zu machen. Das Fragmentarische birgt mehr Wahrheit als das Geschlossene. Und das Unvorhersehbare mehr Leben als jede fertige Biografie.
Weiterführend → Ein Beitrag zur Evolutionsgeschichte des Essays.
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