Resonanzraum für das Sein

Félin Murr versteht die Stille als einen Zustand, der sowohl physisch als auch psychisch wirkt. Im Lüerwald findet sie die Gelegenheit auf ihre innere Stimme zu hören.

Martin Vanselow blickt von der Ohlbrücke über die renaturierte Ruhr in den Lüerwald.

Félin Murr ist nie stimmungslos in der Welt. Die Stille im Lüerwald stellt für die Katze eine Voraussetzung für die Entschleunigung dar. Sich im Unterholz zu bewegen erfordert eine stille Wachsamkeit gegenüber ihrer eigenen Herkunft und Identität. Diese Waldesruhe ist nicht nur eine Abwesenheit von Geräuschen, sie bieten der Waldgängerin auch eine Einladung innezuhalten, zu reflektieren und sich neu zu orientieren.

In einer Welt, die niemals schläft, sind die Natural Born Neheimer nie stimmungslos… das Rascheln der Blätter, das Plätschern des Hülsbachs oder das Zwitschern der Vögel… zuweilen bildet sich eine harmonische Symphonie, die im Einklang mit der Stille steht… das Bewusstsein von Félin Murr ist ein ständiger Strom… wenn sie durch den Lüerwald streift, ersetzt die Taktung des Außen die Rhythmik des Innen. Die Stille des Waldes ist für die Katze kein leerer Raum, sondern ein aktives Werkzeug.

Die Stille im Lüerwald hat eine haptische Qualität. Sie liegt im Nebel über dem Silbersee, im gedämpften Schritt auf dem Waldboden. Diese akustische Reduktion wirkt auf die Katze wie ein Filter, der die Reizüberflutung abbaut und ihren Fokus auf das Unmittelbare lenkt, den eigenen Atem… sowie das Knacken eines Zweiges, die Weite des Horizonts. Indem sie die Stille als Voraussetzung akzeptiert, verwandelt sich die Umgebung von einer bloßen Kulisse in einen Interaktionspartner.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.

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