Milimetaebenen

Bereits zum 150. Todestages gab die Deutsche Bundespost Berlin in 1972 eine Briefmarke zu 60 Pfennig heraus.

Sonderpostwertzeichen zum 250. Geburtstag von E.T.A. Hoffmann

Eigentlich ist unsere Arbeitsteilung perfekt. Ich diktiere meine Ideen. Der Schmied schreibt sie auf. Für das Nachwort hat er mir das Schreibprogramm seines PCs überlassen.

„Aufrecht gehen, Menschen verstehen“, Ratschlag von Mina Murr.

Das Buch »Schmieds Katze« hat mit einer Herausgeberfiktion begonnen, die eine romantische Form aufgreift und um eine ´Autosoziobiographische Perspektive` erweitert. Sich im Buch als Herausgeber vorzustellen, ist spätestens seit E.T.A. Hoffmanns Roman geläufig. Seine Murr’sche Herausgeberfiktion zeichnet absurder Witz sowie einen unzuverlässigen Erzähler aus, da – hier wie dort – der Romancier eine Katze ist.

Auch meine – hier vorliegende ´Autosoziobiographische Erzählung` – lebt vom Gegensatz zwischen künstlerischer Subjektivität und objektiver Realität. Daraus bezieht die kreative Fantasie ihren Rang, sie wird zur Wiederbelebung der romantischen Metaliteratur, die ihre eigenen Bedingungen, Möglichkeiten, Eigenschaften, ihre Entstehungs- und Kommu­nika­tions­formen sowie eine fiktionale und nichtfik­tio­nalen Naturbeschreibung thematisiert. Charakteristisch für das Sauerland ist der die Natur beobachtende, beschreibende und empfindsame Mensch als Subjekt, woraus sich vorausgehend ein wesent­licher Unterschied zum eher objektiven Ansatz des naturwissen­schaftlichen Denkens ergibt.

Der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel hatte im 238. Athenäumsfragment eine Transzendentalpoesie angeregt, die – dem Kantischen Sinn des Begriffs ´transzendental` gemäß – im Zeichen der Reflexion über ihre eigenen Möglichkeitsbedingungen steht. Dieses Programm wollte Schlegel verwirklichen, indem er an die für die moderne Literatur charakteristische Selbstreflexion des Dichters anknüpft. Und daher lese ich die romantische Dichtung als progressive Universalpoesie.

Auch Novalis sprach von Transzendentalpoesie, die bei ihm, trotz gemeinsamer terminologischer Wurzeln, auf das „Geheim­nißvolle Seyn der Dinge“ bezieht; dieses Mysterium über­steigt demnach die Phänomene des Bewusstseins und wird vom Urheber der ´Blauen Blume` zur Gemüterregungskunst er­klärt. Alle echten Dichter hätten – ohne es zu wissen – organisch und somit transzendental „poëtisiert“.

Diese ökopoetische Perspektive lese ich als Abkehr von der objektivistischen Sicht auf eine menschengemachte Gesellschaft, welche soziale Tatsachen als notwendig ansieht; stattdessen betone ich in diesem Buch neue gesellschaftliche Entwicklungen und die menschengemachte Klimaüberhitzung. Die Lesenden können nicht aus der Realität ins Reich der Einbildungskraft und der Erinnerung entfliehen, wo sie mit den Gedanken einer archetypischen Figur in Austausch treten.

Seit die Literatur dem begrenzten Format eines Buches nicht mehr auf den Leim geht, findet sie auch in ´Neuen Medien` ihren Platz. Grundlegend bei einer Internetpublikation ist die Ausweitung des althergebrachten Literatur-Begriffs. Der einzelne Text ist – incl. der ergänzenden Homepage – mit anderen vernetzt; er gilt als Zitat früherer Texte. Daher gibt es beim Hypertext keine privilegierte Lesart.

Der Textbegriff wird von mir ausgeweidet. Gesellschaftliche Strukturen, Wissensordnungen sowie kulturelle Formationen sind mit Formen der Macht verknüpft, welche deren Geltung und hierarchische Ordnung stabilisieren. Zentrales Motiv dieser ´Autosoziobio­graphischen Erzählung` ist, wie Herrschaftsordnungen durch subversive und interventionistische Praktiken verändert oder für Neupositionierungen genutzt werden. Eine richtungweisende Rolle spielt die Analyse von Massenmedien, der Populärkultur und der Alltagspraktiken.

Auch das von mir diktierte Buch arbeitet mit zahlreichen literarischen Anspielungen, insbesondere die ironische, teils satirische Überzeichnung, die Seitenhiebe auf den Kunstbetrieb, die bürgerliche Gesellschaft – bis zur aktuellen Politik – prägen diese ´Autosoziobiographische Erzählung`. Um dem Ansturm der Realität standzuhalten, bewegen sich die Neheimer Legenden außerhalb der normalen Umstände, um sich dort mit schmerzlicher Ironie auf den Holzweg zu begeben…

Meine ´Autosoziobiographische Erzählung` parodiert sowohl den Künstler- als auch das fiktiv-biografische Erzählen des Entwicklungsromans, sie sprengt die Grenzen dieser Formen und bezieht Scherz, Satire, Ironie mit ein, um zu einer tieferen Bedeutung zu gelangen. Das autosoziobiographische Erzählen lädt Sie ein, sowohl diver­gierende, als auch kontrastive Stile und Gattungsformen und Stimmungslagen sinnfällig miteinander zu verknüpfen. Neben Episoden um das Glokale und die ´reale Virtualität`, finden sich in meinem Buch auch schwarzhumorige Elemente; es sind künstlich arrangierte Brüche, abrupte Stilwechsel, und Gattungsmischungen, welche die die absurde Existenz im Sauerland wiederspiegeln.

Es war nir so geplant, aber lesen Sie mein Buch einmal versuchshalber als den geplanten 3. Band des »Murr«, so weist es auf die Verschlungenheit der Lebensgeschichten zwischen meiner Urururrgroßmutter Mina sowie die komplexe Verschränktheit in Form zahlreicher inhaltlicher Bezüge als konstitutives Bauprinzip auf.

Die Darstellung des Paralleluniversums 5760 Neheim eröffnet Schreibenden wie Lesenden nicht nur den Wechsel zwischen den Zeiten sondern auch zwischen den Welten…

In Ermangelung eines Glöckchens verbleibe ich, Ihre Félin, die Urururgroßnichte von Mina Murr

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Lebens-Ansichten des Katers Murr ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821; ein 3. Band war in Planung.

Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.

Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.