Startrampe für die Fantasie

Ab Mitte der 1960er Jahre wurde im Rahmen des Apollo-Programms im Auftrag der NASA ein Raumschiff entwickelt, mit dem Astronauten den Mond erreichen sollten.

Das Kino, die Startrampe für die Phantasie. Auch in Neheim ist es ein Ort, der durch die Kombination von Bildern, Ton und der kollektiven Erfahrung des Zuschauens einzigartige Bedingungen schafft, um die Vorstellungskraft anzuregen

Der Aufstieg zum Balkon ist eine Einübung in die Hierarchie des Sehens. Stufe um Stufe lässt man das graue Neheim, die verregnete Hauptstraße und das Summen der Bundesstraße hinter sich. Wer oben sitzt, blickt herab – nicht nur auf die Leinwand, sondern auch auf die billigeren Plätze. Die Architektur des Kinos spiegelt die Klassenordnung der Stadt, doch im Dunkeln werden alle Köpfe auf dieselbe Höhe gezwungen.

Der schwere, rote Samt ist der Vorhang des Tempels. Er verbirgt das Nichts, bis das Licht erlischt. Wenn er sich träge nach außen faltet, gibt er die weiße Fläche frei, die erst durch das Licht zum Leben erwacht.

Aus einer winzigen Luke im Rücken der Zuschauer bricht der Lichtkegel wie ein göttlicher Strahl. In ihm tanzen die Staubkörner ihren eigenen, lautlosen Tanz. Das Surren der Maschine ist das Herzstück dieser Fabrik der Illusionen. Es ist eine mechanische Monotonie, die paradoxerweise die wildesten Fantasien freisetzt.

Hier wird Arbeit in Traum verwandelt, Sekunde für Sekunde, vierundzwanzigmal in der Sekunde.

Die Dunkelheit im Kinosaal ist nicht die Nacht der Natur. Es ist eine künstliche, kollektive Nacht, in der Fremde nebeneinander sitzen, ohne sich anzusehen. Jeder ist isoliert in seinem eigenen Schauen, und doch schlägt das Herz des Raumes im selben Rhythmus. Wenn auf der Leinwand eine Träne fällt, geht ein kollektives Aufatmen durch die Sitzreihen. Es ist der einzige Ort in 5760 Neheim, an dem Einsamkeit zur Gemeinschaft wird.

‚Erdaufgang‘ ist der Name des NASA-Fotos AS8-14-2383HR, aufgenommen von William Anders während des Fluges von Apollo 8. Das Bild wurde am 24. Dezember 1968 während der vierten von zehn geplanten Umkreisungen des Monds mit einer Hasselblad-500-Kamera, Brennweite 250 mm, fotografiert.

Der Name über dem Portal an der Goethestraße ist kein Zufall, sondern ein Programm der Moderne. Apollo – Gott des Lichts, der Künste und der fernen Projektion.

Am Weihnachtsabend des Jahres 1968 blickte die Menschheit durch das Kameraobjektiv von William Anders an Bord von Apollo 8. Was dort entstand, war das ultimative Kinobild: Earthrise. Zum ersten Mal sah sich die Zivilisation von außen – eine blau-weiße, zerbrechliche Murmel, die über dem toten, grauen Horizont des Mondes aufsteigt. Dieses Foto war der Moment, in dem der Saal und die Leinwand eins wurden. Die Erde, die eben noch Schauplatz aller Fabriken, Kinos und Straßen von Neheim war, schrumpfte zu einem einzigen, leuchtenden Lichtpunkt im unendlichen Dunkel. Es war das größte Dokument der Isolation und zugleich der intimste Moment kollektiven Schauens: Alle Menschen saßen plötzlich im selben Saal und blickten auf dasselbe, verletzliche Bild ihrer eigenen Existenz.

***

Nachbemerkung: Niel Armstrong und Buzz Aldrin waren schneller als 1961 von Karl-Herbert Scheer und Walter Ernsting vorhergesagt: „Juni 1971. Eine Rakete bohrt sich in den Himmel über Nevada Fields. An Bord: vier Astronauten unter dem Kommando des Risikopiloten Perry Rhodan. Ihr Ziel: der Mond.“

→ Die Mondumkreisung von Apollo 8 war das Fernsehprogramm mit den meisten Zuschauern – bis zur Übertragung der Mondlandung.

→ Ohne das ehemalige SS-Mitglied Wernher von Braun war das Erste Deutsche Fernsehen schneller als die Realität. Am 17. September 1966 wurde die Fernsehserie Raumpatrouille ab 20:15 Uhr in der ARD erstmalig in den Äther geschickt. Drei Jahre vor der Mondlandung begleiteten die Zuschauer Cliff Allister McLane und seinem schnellen Raumkreuzer Orion bei ihrem Patrouillendienst „am Rande der Unendlichkeit“.

Weiterführend → Ein geleaktes GSD-Geheimpapier.