Mineralische Naturfaser

Während die Schildbürger in ihrer Geschichte schlicht die Fenster beim Neubau vergaßen, kämpft das Rathaus mit unvorhersehbaren Altlasten und Feuchtigkeitsschäden, die den Bauprozess immer wieder ausbremsen. 

Asbeststaub ist ein krebserzeugender Gefahrstoff. Auch 2023 starben über 1.300 Menschen mit anerkannter Berufskrankheit durch asbesthaltige Stäube. (Quelle: SUGA-Bericht 2023)

Das Alte Rathaus, jener Bau der Jahrhundertwende, war noch ein Gedächtnisort. Es bot es der Bürgerschaft ein visuelles Zentrum, eine steingewordene Identität. Sein Abriss im Jahr 1969 markiert den Sieg der Tabula rasa über die Historie. Es ist der Moment, in dem die Stadtplanung den Menschen als Bürger verliert und ihn nur noch als zu verwaltende Einheit begreift. In der Zerstörung des „Alten Rathauses“ von 1902 und der Errichtung des neuen Verwaltungsbaus im Niemandsland zwischen Neheim und Hüsten vollzieht sich die radikalste Entseelung des städtischen Raums. Hier weicht die bürgerliche Repräsentation der technokratischen Entfremdung.

In dieser räumlichen Verschiebung vom Markt an die Autobahnauffahrt vollzieht sich die Transformation des Bürgers zum bloßen Verwalter seiner eigenen Abwesenheit.

Das neue Rathaus ist eine Architektur des Exils, die Verbannung ins Zwischenreich. Dass das Machtzentrum an eine Autobahnauffahrt verlegt wurde, entzieht es dem menschlichen Schritt. Es ist nicht mehr das Ziel des Fußgängers, sondern ein Transitknoten für den Automobilisten. Die politische Teilhabe wird an die Infrastruktur der Autobahn gekoppelt. Das Rathaus ist kein Ort des Verweilens mehr, sondern ein Service-Terminal. Das Bürgerbewusstsein schrumpft auf das Ausfüllen von Formularen in einer funktionalen Einöde zusammen. Die räumliche Trennung von Neheim und Hüsten durch diesen „Solitär“ im Nirgendwo spiegelt die Zersplitterung des sozialen Körpers wider. Das Rathaus steht im „Niemandsland“ – einem Raum ohne Aura, der nur noch durch Geschwindigkeit und Abgase definiert wird.

Die Entdeckung der Asbestschäden wirkt wie eine späte Rache der Moderne. Das Material, das einst als Inbegriff des Fortschritts und der Sicherheit galt, entpuppt sich als schleichendes Gift. Es ist die materielle Manifestation einer Epoche, die glaubte, die Geschichte durch künstliche Substanzen ersetzen zu können.

In Neheim ist der Weg zum Rathaus nun eine Reise in die Peripherie des Politischen. Das Gebäude ist kein steingewordenes Gegenüber der überdimensionierten Pfarrkirche Johannes Baptist mehr, sondern ein sanierungsbedürftiges Objekt im Schatten der Infrastruktur. Der Bürger begegnet der demokratischen nicht mehr auf dem Marktplatz, sondern muss sie in der Einöde zwischen den Stadtteilen suchen. Dass die Renovierung durch Feuchtigkeitsschäden ins Stocken gerät, verleiht dem Bau eine unfreiwillige Melancholie. Das Rathaus wird zur „ewigen Baustelle“, einem Mahnmal der Dysfunktionalität. Während das Alte Rathaus durch seine Fassade Beständigkeit simulierte, offenbart das neue Rathaus durch seine Zerfallserscheinungen die Fragilität der technokratischen Ordnung.

Die Entsorgung steht im Vordergrund. Dies führte in Neheim dazu, dass ein im Jahr 1968 neu errichtetes Rathaus kernsaniert werden musste. Man möchte Verwaltungsmitarbeiter und Politiker im Sauerland nicht weiterhin einem Krebsrisiko aussetzen.

Erschwerend kam hinzu, dass die Renovierung durch einen massiven Feuchtigkeitsschaden im Januar 2026 erneut zurückgeworfen. Der Haken (und warum es sich anfühlt wie eine moderne Variante des Schildbürger-Witzes): Die Sanierung dauert extrem lange. Begonnen 2021, ursprünglich für 2024 geplant – stand jetzt – zieht sich der Einzug der ersten Abteilungen voraussichtlich ins 3./4. Quartal 2026 hin – also über fünf Jahre.

Das Gebäude soll ein „Klima-Leuchtturm“ werden, der 85 % Energie einspart. Es werden spezielle Aluminium-Doppelelemente mit Dreifach-Isolierglas und integriertem Vogelschutz verbaut.

In 2021 wurde eine moderne „Lösung“ statt Licht in Säcken angestrebt. Anders als die Schildbürger, die Licht in Säcken ins dunkle Haus tragen wollten, setzte man auf Hochtechnologie. Die Schildbürger haben ein Rathaus ohne Fenster gebaut und dann versucht, Licht hineinzuschaufeln. In Neheim saniert man ein Rathaus mit allen modernen Fenstern, Dämmung, Barrierefreiheit und Klimaschutz-Technik – und trotzdem sitzt man (die Mitarbeiter und Bürger) jahrelang im „Dunkeln“ der provisorischen Unterbringung, weil die Bauarbeiten nicht enden wollen. Man könnte sarkastisch sagen: Die einen haben vergessen, Fenster einzubauen. Die anderen bauen alles ein, was man sich nur wünschen kann… es wird nur nicht rechtzeitig fertig. Beides führt dazu, dass das Rathaus länger als gewünscht nicht nutzbar ist.

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Schmieds Katze, von Johannes Schmidt (Hg.). Edition Das Labor 2025

Die Schildbürger, wohnhaft im fiktiven Ort Schilda, sind Hauptakteure einer ganzen Reihe von kurzen Erzählungen, den Schildbürgerstreichen. Der Inhalt des Werks behandelt die fiktive Stadt Laleburg im Kaiserreich Utopia. Der Name Lale geht auf das griechische Verb λαλέω (laléō) zurück, das einerseits plaudern und schwatzen, aber auch verkündigen und lehren bedeutet. Die übrige Rahmenerzählung gleicht dem späteren Topos der Schildbürger aus Schilda, die sich aus eigenem Antrieb von weisen Beratern zu närrischen Bauern entwickelten. Eine Sammlung bzw. ein Volksbuch mit Schildbürger-Schwänken zum Inhalt erschien 1597 erstmals unter dem Titel Das Lalen-Buch. Wunderseltzame / Abentheurliche / unerhörte / und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Lalen zu Lalenburg. Bekannt wurde die zweite Ausgabe von 1598 mit dem Titel Die Schiltbürger; mehrere Autoren sind als ihr Urheber im Gespräch, u. a. Friedrich von Schönberg. Wie der Till Eulenspiegel oder der Faust geht auch das Lalebuch nicht auf eine fremdsprachige Vorlage zurück. Vielmehr wurden Schwänke und Erzählungen, die im Umlauf waren, aufgegriffen und, kunstvoll mit vielen gelehrten Andeutungen gespickt, zu einem Ganzen verarbeitet.

Weiterführend → Lesen Sie auch den ersten Teil der geplanten Trilogie über die neheimischen Schildbürger. Den zweiten Teil finden Sie hier.

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