Man sagt, die Schildbürger seien deshalb so närrisch geworden, um ihre Klugheit vor der Welt zu verbergen. In Neheim scheint man diesen historischen Pfad nun mit beachtlicher Konsequenz zu beschreiten. Der neueste Geniestreich: Ein Fontänenfeld für 270.000 Euro, das genau dort für „Aufenthaltsqualität“ sorgen soll, wo man zuvor mit chirurgischer Präzision jegliche Substanz entfernt hat.

Die Stadtverwaltung hat den zentralen Platz vor der Pfarrkirche St. Johannes Baptist zum multifunktionalen Marktplatz umgestaltet. Ein fast 4.000 Quadratmeter großer, gepflasterter Raum entstand, der Wochenmärkte und Veranstaltungen aufnehmen soll. Das Ergebnis? Eine „leere Mitte“, wie sie das eigene Innenstadtkonzept von 2024 schonungslos beschreibt: unstrukturiert, dunkel, ohne Grün, ohne ausreichende Sitzgelegenheiten, ohne Spielmöglichkeiten. Ein Transitraum, der Hitzeinseln verstärkt und abends wie ein verlassener Parkplatz anmutet. Die Pfarrkirche thront weiterhin dominant in der Mitte – doch drumherum klafft die Leere, die man selbst geschaffen hat. Klassischer Schildbürgerstreich Nummer eins: Man entfernt oder ignoriert das Natürliche (Bäume, Bänke, Schatten), um dann das Fehlende teuer zu ersetzen.
Das Licht im Sack und das Wasser auf dem Pflaster
Erinnern wir uns an den berühmtesten Streich der Schildbürger: Sie bauten ein Rathaus ohne Fenster und versuchten anschließend, das Sonnenlicht in Säcken hineinzutragen. In Neheim verfährt man nach einem ähnlichen Prinzip der sukzessiven Problemerschaffung. Zuerst wurde der Platz vor der Pfarrkirche so gründlich „befreit“, dass eine leere Mitte entstand – ein gepflastertes Nichts, das im Sommer nicht erst seit dem Klimawandel die Hitze speichert wie ein Backofen.
Nun erkennt die Stadtverwaltung messerscharf: Es fehlt an Schatten, Kühlung und Leben. Die Lösung steht in der großartigen Tradition der Schildbürger: Statt die natürliche Kühle von Bäumen oder die gewachsene Struktur zu nutzen, kauft man für eine viertel Million Euro künstliche Fontänen. Man trägt das „Klima“ quasi im Wassersack auf den Markt, nachdem man das natürliche Mikroklima zuvor weggepflastert hat.
Die Logik der „Attraktivitätssteigerung“
Die Schildbürger versenkten ihre Glocke im See und schnitzten eine Kerbe ins Boot, um die Stelle wiederzufinden. Ähnlich navigiert die Stadtplanung durch den öffentlichen Raum. Die „Verbesserung des öffentlichen Raums“ wird hier als eine Art technokratische Wiedergutmachung verstanden. Wo früher Identität war, soll nun ein computergesteuertes Wasserspiel für „Aufenthaltsqualität“ sorgen. Dass Kinder dort spielen können, ist das Totschlagargument jeder Verwaltung – es ist die „Kerbe im Boot“, die rechtfertigen soll, warum man für ein paar Düsen im Boden die Summe eines Einfamilienhauses ausgibt.
Ein Denkmal für die Leere
Ein Fontänenfeld mit 21 Düsen auf exakt 100 Quadratmetern. Kostenpunkt: 270.000 Euro. Davon 220.000 für die Technik (natürlich), 50.000 extra für die Erdarbeiten, weil man ja eine 3,50 Meter tiefe Pumpenkammer unter die Erde senken muss wie einen Sarkophag für die Vernunft. 270.000 Euro für ein Fontänenfeld sind mehr als nur eine Investition in die Infrastruktur; es ist die stilechte Vollendung der „leeren Mitte“. Während die echten Schildbürger am Ende ihr Dorf verließen und in alle Welt zerstreuten, bleiben die Neheimer vor Ort – vermutlich mit nassen Füßen, während sie auf einem Platz stehen, der so teuer wie inhaltsleer ist.
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Die Schildbürger, wohnhaft im fiktiven Ort Schilda, sind Hauptakteure einer ganzen Reihe von kurzen Erzählungen, den Schildbürgerstreichen. Eine Sammlung bzw. ein Volksbuch mit Schildbürger-Schwänken zum Inhalt erschien 1597 erstmals unter dem Titel Das Lalen-Buch. Wunderseltzame / Abentheurliche / unerhörte / und bißher unbeschriebene Geschichten und Thaten der Lalen zu Lalenburg. Bekannt wurde die zweite Ausgabe von 1598 mit dem Titel Die Schiltbürger; mehrere Autoren sind als ihr Urheber im Gespräch, u. a. Friedrich von Schönberg. Wie der Till Eulenspiegel oder der Faust geht auch das Lalebuch nicht auf eine fremdsprachige Vorlage zurück. Vielmehr wurden Schwänke und Erzählungen, die im Umlauf waren, aufgegriffen und, kunstvoll mit vielen gelehrten Andeutungen gespickt, zu einem Ganzen verarbeitet.