Seit 2000 wird jedes Jahr am 21. März der Welttag der Poesie gefeiert. Er soll an „die Vielfalt des Kulturguts Sprache und an die Bedeutung mündlicher Traditionen erinnern“

In „Montauk“ thematisiert Max Frisch nicht nur seine eigenen Erlebnisse, sondern reflektiert auch gesellschaftliche Fragen der Identität und des Seins. Ist er der Urvater des ´Autosoziobiografischen Schreibens`?
Zu Beginn des 21. Jahrhunderts scheint es so, als sei die Welt nurmehr im Konkreten erfassbar. ´Autosoziobiografische Schreiben` ist der Versuch das Verhältnis von Erlebnis und Erfahrung auszuloten. Im Gegensatz zur klassischen Autobiografie, die das individuelle Ich und dessen psychologische Entwicklung in den Fokus rückt, verknüpft das analysierende Schreiben das eigene Umfeld untrennbar mit soziologischen Analysen und Klassenfragen.
In Anlehnung an Pierre Bourdieu wird untersucht, wie tief soziale Prägungen in Körper und Verhalten verwurzelt sind. Schriftsteller untersuchen ihre eigene Herkunft und ihren sozialen Aufstieg oder Abstieg, der oft schmerzhafte Wechsel von einer Klasse in die andere sowie dem damit verbundenen Bildungsaufstieg. Das „Ich“ wird hierbei nicht analysiert, sondern als ein Symptom gesellschaftlicher Verhältnisse verstanden.
Das individuelle Leben wird stets im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen betrachtet. Soziale Schichten, Migration, Geschlecht und andere Faktoren spielen eine zentrale Rolle.
Seit Annie Ernaux’ schon früh praktizierter „écriture plate“, ist die Scham ein wiederkehrendes Motiv um über die eigene Herkunft oder das Gefühl der Nicht-Zugehörigkeit in der neuen sozialen Schicht zu reflektieren. Wegweisend für dieses Genre war neben der Nobelpreisträgerin von 2022, auch der Soziologe Didier Eribon, dessen Werk die ungeschönte Analyse des französischen Proletariats und des eigenen Aufstiegs ist. In Rückkehr nach Reims einen Standard, indem er seine Homosexualität und seine Klassenzugehörigkeit als Unterdrückungsmechanismen analysierte.
Im deutschsprachigen Raum haben Autoren wie Christian Baron (Ein Mann seiner Klasse) das Genre populär gemacht. Sie thematisieren die spezifisch deutschen Hürden des Bildungssystems und die verdeckten Klassengrenzen in einer Gesellschaft, die sich oft als klassenlos versteht. In einer Zeit zunehmender ökonomischer Ungleichheit ihm die dient Autosoziobiografie als Werkzeug, um systemische Ungerechtigkeiten sichtbar zu machen, die hinter dem Narrativ der Leistungsgesellschaft verborgen bleiben. Das Schreiben wird hier zu einem Akt der Selbstermächtigung und der kollektiven Bewusstseinsbildung.
Das ´Autosoziobiografische Schreiben` bietet es die Möglichkeit, seine Identität zu reflektieren und zu formen. Durch das Schreiben wird der persönliche Erfahrungshorizont erweitert und ein tieferes Verständnis für die eigene Position innerhalb der Gesellschaft geschaffen.
Das ´Autosoziobiografische Schreiben` stellt eine der ambivalentesten Entwicklungen der Gegenwartsliteratur dar. Es verbindet die klassische autobiografische Geste („Ich erzähle mein Leben“) mit einem dezidiert soziologischen Blick, der das eigene Leben nicht als Ausnahme, sondern als exemplarischen Fall gesellschaftlicher Strukturen und Machtverhältnisse begreift. Während die traditionelle Autobiografie häufig auf Einzigartigkeit, innere Entwicklung und individuelle Souveränität setzte, interessiert sich das autosoziobiografische Schreiben gerade für die Durchlässigkeit des Subjekts: Wie werden Klasse, Geschlecht, Migration, Körpernormen, Bildungskapital, sexuelle Orientierung oder regionale Herkunft zu Material, aus dem das scheinbar höchstpersönliche Leben geformt wird? Das „Ich“ wird dabei nicht geleugnet, aber systematisch relativiert – es erscheint als Schnittstelle gesellschaftlicher Kräfte.
Gemeinsam ist den weitaus meisten dieser Arbeiten der Gestus der Entindividualisierung: Das eigene Trauma, die Scham, der soziale Aufstieg oder Abstieg werden nicht primär als persönliches Schicksal präsentiert, sondern als lesbare Spuren historischer und sozialer Gewaltverhältnisse.
Kritiker werfen dem Genre vor, es betreibe eine Art strategische Authentizitätsökonomie und verwandle strukturelle Gewalt in literarisches Kapital.
Befürworter hingegen sehen gerade in dieser Verschränkung von Subjektivem und Strukturellem eine notwendige Erweiterung des Politischen im Schreiben – eine Form, die das Private wieder als genuin Politisches lesbar macht, ohne in platte Didaxe zu verfallen. Das autosoziobiografische Schreiben ist damit weder bloße Identitätspolitik noch klassische Bekenntnisliteratur. Es ist ein riskantes Balanceprojekt: Es will sowohl singulär als auch repräsentativ, sowohl intim als auch analytisch, sowohl verletzlich als auch distanziert sein. Gerade in dieser Spannung liegt vermutlich seine anhaltende Produktivität – und seine anhaltende Anfechtbarkeit.
Für die Leserschaft bietet dieses Genre einen Zugang zu anderen Lebenswelten. Das autosoziobiografische Schreiben zeigt auf, wie individuell erlebte Herausforderungen oft universelle gesellschaftliche Probleme spiegeln.
Das ´Autosoziobiografische Schreiben` ist ein reichhaltiges und vielschichtiges Genre, das durch die Verbindung von Autobiografie und sozialer Analyse eine besondere Tiefe erreicht. Es ermöglicht nicht nur eine Reflexion über individuelle Erfahrungen, sondern legt auch die gesellschaftlichen Strukturen offen, die diese Erfahrungen prägen. In einer Zeit, in der Themen wie Identität, Migration und soziale Ungerechtigkeit von großer Bedeutung sind, bleibt dieses Genre relevant und bietet wertvolle Einsichten in die menschliche Erfahrung.
´Autosoziobiografisches Schreiben` kombiniert Elemente aus Literatur, Soziologie, Psychologie und Geschichtswissenschaft. Dies ermöglicht eine interdisziplinäre Betrachtungsweise.
Auch in „Schmieds Katze“ sowie der dazugehörigen begleitenden Homepage etabliert Johannes Schmidt eine spezifische Form des autosoziobiografischen Schreibens, die persönliche Erinnerung konsequent mit soziologischer Analyse verknüpft. Der Wortschmied nutzt dieses Projekt – dass er mit dem Streetphotographer Martin Vanselow betreibt – als Sonde, um die Mechanismen von sozialer Herkunft, Milieuwechsel und das leben im Sauerland zu untersuchen. Die Auseinandersetzung mit den Natural Born Neheimern thematisiert oft die Unzugehörigkeit eines Zugereisten.
Obwohl „Schmieds Katze“ keine direkte Fortsetzung von E.T.A Hoffmanns Werk „Lebens-Ansichten des Katers Murr“ ist, offenbart sich hier eine faszinierende intertextuelle Verbindung. Félin Murr – ein Name, der „katzenhaftes Murren“ auf Französisch evoziert – dient als Brücke zwischen der romantischen Satire und einer zeitgenössischen, hybriden Form der Erzählkunst.
Dabei ist das innovative Element dieses Projekts die Erweiterung des Textes in den digitalen Raum. Die Homepage dient nicht nur als Archiv, sondern als interaktive Ergänzung des Projekts. Hier finden sich Dokumente, Fotografien und ergänzende Reflexionen, welche die Faktizität des Erzählten untermauern und den Schreibprozess selbst offenlegen. Dies bricht die klassische Werkform von landläufiger Literatur auf und macht die Rekonstruktion der eigenen Sozialisation zu einem dynamischen, fast wissenschaftlichen Unterfangen.
Während Kater Murr als kritischer Beobachter agiert, ist Félin Murr eine Figur, die sowohl Merkmale der Anmut als auch der Verspottung verkörpert. Sie persifliert die digitale, hybride Medienlandschaft des 21. Jahrhunderts kommentieren – eine Welt, in der Fotografie und Erzählung „zufällig“ vermischt werden, ähnlich den „Makulaturblättern“ bei Hoffmann.
„Schmieds Katze“ macht Unsichtbares sichtbar, verbindet Individuum und Gesellschaft und nutzt digitale Medien für eine erweiterte Erzählung. Dieses Projekt lädt zu einer reflexiven Auseinandersetzung mit dem eigenen Hinterland ein, fernab urbaner Zentren ein. Die ergänzende Homepage bietet darüber hinaus einen innovativen Raum, um sich aktiv mit den Inhalten auseinanderzusetzen und den Dialog zwischen Autor und Leser in den sogenannten ´Sozialen Netzwerken zu fördern. in zeiten, in denen individuelle Geschichten oft im Schatten der gesellschaftlichen Normen stehen, erweist sich das ´Autosoziobiografische Schreiben` als wertvolles Mittel zur Selbstvergewisserung und zum gesellschaftlichen Diskurs. In einer Welt, die von Fragmenten und vom Medienmix lebt, lebt Hoffmanns Geist weiter – nicht als Kopie, sondern als murrenders Echo. Félin Murr erinnert uns daran, dass Literatur lebendig bleibt, wenn sie mauzt und kratzt.
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Lebens-Ansichten des Katers Murr ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821; ein 3. Band war in Planung.
Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Im Befragen dessen, was Heimat ausmacht, geht es um den Verlust lokaler Identität. 5760 Neheim ist ein affektiv besetzter Ort mit ehemals prägenden Wörtern, Dialekten, Berufsbezeichnungen, ihren Erhebungen und Abgründen, ihrem lokalen Wissen, ihren geheimen Geschichten und Überlieferungen. Die Vertellstückskers zeigen, wie ´Autosoziobiografisches Schreiben` im Hinterland betrieben wird. Im Land der 1000 Berge existieren Tiefenzeiten und Rückzugsräume. Es gibt im Sauerland noch Orte, in denen die Bürger jenseits des medialen Zerstreutseins zu Hause sind, in denen natürlichen Gegebenheiten und geschichtlichem Gewordensein sie mit anderen aufgehen können. Ähnlich wie bei Annie Ernaux steht auch für den Herausgeber Johannes Schmidt die Thematisierung von Klassismus in diesen Erzählungen im Vordergrund. Er verwandelt sich in einen Kehrichtsammler der Tatsachen, die Bagatellen des täglichen Provinzlebens werden in bizarre scheinenden und möglichst unterhaltsamen Geschichten festgehalten.
Weiterführend → Der Herausgeber würdigte den Fotographen Martin Vanselow, dessen Streetphotography er sehr schätzt. Er freut sich über die Zusammenarbeit für diese Online-Publikation weil Vanselow nicht nur faszinierende Bilder aus dem Alltag hervorholt, sondern weil diese Momentaufnahmen nebenher auch großartige Sozialstudien sind.