Rückkehr vom Rückeweg

Künstler sind im Sauerland eher Mitarbeiter der „holzverarbeitenden Industrie“. Die meisten bleiben nicht im Lande, da man sich mit den schönen Künsten hier nicht redlich nähren kann.

Hier sitzt er nicht zwischen den Stühlen, der Lieblingsplatz des Herrn Nipp.

Kunst ist im Sauerland eher inhaltsleer denn schwerelos. Dies mag daran liegen, dass Artisten aller Gattungen die Gegend bereits frühzeitig hinter sich lassen. August Macke verließ Meschede, gegen den Willen des Vaters, bereits im Alter von 17 Jahren die Unterprima und begann eine Ausbildung an der Königlichen Kunstakademie in Düsseldorf.

Auch den Hüstener Friedel Thiekötter hatte es ins Münsterland verschlagen, dort schreib es seine Vertellekes. Seinen ersten Lokalkrimi Cembalist am Glockenseil siedelte er rund um den Möhnesee und in Warstein an. Der Hüstener kann neben Friedrich Merz aus Brilon (der als erster Bundeskanzler aus dem Sauerland bundesdeutsche Geschichte geschrieben hat) und Herrmann Nipp aus Neheim als der bedeutendste Autor aus dem Sauerland angesehen werden.

Seit 1994 betreibt Herr Nipp das einfache Abschreiben der Welt, er bewegt sich damit zwischen Ereignis und Reflexion. Bereits die erste Geschichte zeigt eine melancholischen, zum Selbstmitleid neigenden Kauz. Auf den ersten Blick lässt sich dieser Typ als ein typischer Sauerländer, katholisch und freiheitsliebend, und ewiger Raunzer charakterisieren. Als repräsentativer Kleingartenbürger verkörpert er die vox populi. Er agiert als biederer Alltags-Protagonist, bummelt durch schluffige short – manchmal very short – stories. Realität wird im Sauerland durch Vereinnahmung entschärft, das Sprachverständnis schwankt zwischen den Stadtteilen Bergheim und Rusch sowie zwischen Leichtgläubigkeit und Argwohn.

Die argwöhnische Haltung dieses Eigenbrötlers belegt, dass Misstrauen und Spottlust ein Zeichen von solider Gesundheit sind. Als Liebhaber der Schnitzeljagd kommt er mit Vorliebe von Hölzchen aufs Stöckchen und glossiert sehr entlarvend die zivilisatorischen Errungenschaften.

Herr Nipp ist ein Chamäleon, das sich treu bleibt. In seinem Buch Guppy im Gin unternimmt er die teilnehmende Beobachtung seiner selbst. Ein knappes Jahr lang horchte er in sich hinein, ging dem Widerhall der Debatten in sich selbst nach. Diese Vertellekes sind zu trocken, zu sprunghaft für Schwärmerei. Keine Waldweisheit, keine Mystifizierung des Waldes als höheres Wesen findet sich hier. Erdgebunden geht es dem knorrzigen Neheimer um die großen Fragen, und warum man sie nicht beantworten kann. Es ist eine Form von Gebrauchs­literatur, die das Dichterische hinter sich gelassen hat.

Der Ouerbeetdenker räumt in seinen Betrachtungen mit dem rasenden Fortschritt auf, sowie dem Glauben, dass der Mensch kraft seines Intellekts zu den Sachen selbst und so zur absoluten Wahrheit vordringen könne. Aus der Pedanterie seiner Ab­schweifungen gewinnt er eine Medizin gegen die Melancholie. Nicht mittun, Abstand halten, jede Torheit unter Vorbehalt stellen und bis an die Zähne mit Skepsis bewaffnet sein.

In den Geschichten bleibt über all die Jahre die Hauptperson selbstverständlich Herr Nipp, der Fragen von Mitmenschen gestellt bekommt oder Erklärungen abgibt. Er antwortet stets mit Weisheiten, die aus der Seele des Sauerländers stammen könnten. Der Natural Born Neheimer zeigt dem Leser seine Haltungen auf, er kommentiert jedoch nicht immer nur mit Worten, sondern auch damit, dass er seine Gesprächspartner mit Fragen irritiert. Der kreative Verstand von Herrn Nipp ist erheblich kohärenter als die wirkliche Welt. Mit seinen Shorts nimmt er Abwege der Weltweisheit und erkennt, dass einem entschwundenen Ich im Sauerland niemand zur Hilfe kommt. Es steht zu hoffen, dass diese eigenschaftslose Figur weiterhin als Verfasser von schnoddrigen Vertellekes in Erscheinung tritt.

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Herr Nipp, Holzschnit von Haimo Hieronymus

Weiterführend → Das Nippversum, ein Seitenarm der Guternberggalaxis.

→ Zum Thema Künstlerbucher lesen finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus.