Die Legende der Werkstattgalerie Der Bogen ist fragmentarisch, weil Erinnerung und Praxis es sind. Sie besteht aus kleinen Experimenten, aus Irrtümern eines Postboten, aus der Entscheidung, Wände zu fordern. In diesen Fragmenten zeigt sich eine Haltung: nichts ist endgültig; alles ist Versuch. Die Galerie bleibt offen für neue Arrangements – und bleibt dadurch selbst ein Lichtbogen, der über die Stadt gespannt ist.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts zog Hugo Bremer nach Neheim am Ruhr. Er war Erfinder, Unternehmer, Weltreisender und ein Mann, der Schatten nicht mochte. In den Bogenlampen jener Zeit standen die Kohlenstifte senkrecht übereinander. Die untere Kohle und ihre Halterung warfen einen harten Schatten nach unten, als wollte die Technik selbst das Licht behindern. Bremer ordnete die Stifte neu an: in Form eines V, eines Bogens. Er verbesserte sie chemisch. Die Lichtausbeute verdreifachte sich. Das Licht entstand nun nicht mehr allein durch Aufheizung, sondern durch Gasentladung zwischen den Polen. Patent 1901, Neheim/Ruhr. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 leuchtete sein Bremer-Licht vom Eiffelturm. Neheim wurde zur Stadt der Leuchten. Fabriken wie Gebr. Kaiser & Co. produzierten Licht für die Welt. Die Nacht hatte ihren Meister gefunden.
Ein Erfinder findet 1901 die V-Anordnung und beseitigt den Schatten. Künstler finden 1981 leere Wände und beseitigen den Schatten der Nutzlosigkeit.
Achtzig Jahre später proklamierten Künstlerinnen und Künstler: „Wir brauchen Wände.“ Nicht für Plakate oder Verwaltungszettel. Für Bilder. Für Objekte. Für Installationen. Es war 1980, die Gruppe nannte sich DER BOGEN. 1981 eröffnete die Werkstattgalerie in der Lange Wende 42, Neheim. Die Räumlichkeiten – später Sitz des Arbeitsamts – wurden bis 1995 ohne Auflagen gesponsert. Ein seltener Fall. Herr Montag, der Eigentümer, verlangte nichts als die bloße Existenz der Kunst. Keine Miete, keine Bedingungen. Die Bundesrepublik in einer ihrer großzügigen Stunden.
Die Entstehung dieser Künstlergruppe ist keine gerade Linie; sie ist Montage.
Man kann sie zusammensetzen aus: dem dringenden Ruf der Künstlerinnen und Künstler im Regierungsbezirk Arnsberg, dem Angebot leerer Räume, dem städtischen Gedächtnis, das nach Brücken ruft zwischen Handwerk und Bild. 1981: Lange Wende 42. Ein Ort, zunächst gesponsert, ungebunden — ein Übergangsraum, in dem Materialproben und Meinungen nebeneinander liegen. Die Post bringt einen Fehler: „Lange Wände“ statt „Lange Wende“. Der Fehler ist emblematisch — ein sprachliches Echo, das mehr verrät als eine korrekte Adresse; Wände statt Wende, und damit die Entscheidung.
Die Galerie nennt sich Der Bogen. Der Name ist Zitat, Hommage, Funktionsbeschreibung zugleich.
Ein Bogen spannt, verbindet, hält etwas sichtbar. Es ist keine nostalgische Rückkehr zur Leuchtenindustrie, sondern eine produktive Verknüpfung: die historische Identität Neheims als „Stadt der Leuchten“ trifft auf die gegenwärtige Kreativökonomie. Aus der Physik eines Lichtbogens wird eine Metapher für Sichtbarmachung — Künste, die Schatten durch Arrangement minimieren, Perspektiven neu ausrichten. Die Galerie ist kein Tempel; sie ist Werkstatt: Geräusche, Kleber, Farbnebel, Diskussionen über Hängungen und Preise, über Öffentlichkeit und lokale Vernetzung.
Es ist ein Erbe der Kunstgeschichte, dass auf einer zweidimensionalen Fläche (z. B. der Leinwand oder der Wand) die Illusion von Tiefe und Räumlichkeit erzeugt wird. Dies geschieht durch Techniken wie Perspektive, Schattensetzung und Verkürzung.
Die Beziehung zwischen Technikgeschichte und künstlerischer Praxis erscheint dabei nicht willkürlich: Bremers Eingriff in die Kohlenstifte ist handwerklich-physikalisch, zugleich ästhetisch. Er veränderte nicht nur die Helligkeit, sondern die Richtung des Blicks. Künstlerinnen und Künstler, die in Der Bogen arbeiten, folgen diesem Imperativ: Was lässt sich sichtbar machen, wenn man die Arrangements ändert? Welche Schatten fallen weg, welche neuen entstehen? Die Galerie wird so zu einem Ort, an dem Materialien und Begriffe gegeneinander gestellt werden — Leuchte gegen Dunkel, Erinnerung gegen Gegenwart, Industrie gegen Improvisation.
In den frühen achtziger Jahren war die Bundespost noch eine stabile Institution; Briefe kamen an, Namen wurden gelesen — und dennoch verfing sich ein Irrtum: „Lange Wände“. An diesem Brouhaha lässt sich etwas lernen über Institutionen und Irrtümer: Sprache formt Räume. Aus dem Fehler entsteht ein Namensspiel, das besser zur Sache passt als die ursprüngliche Adresse. Wände signalisieren Bestand, Wende erzählt von Bewegung; die Werkstattgalerie vereint beides: sie ist Ort des Verweilens und der Umkehr zugleich.
Sponsoring ohne Auflagen bedeutet Freiheit, bedeutet zugleich die Verantwortung, die Freiheit nicht in Beliebigkeit zu verflüssigen. Die Werkstattgalerie operiert entlang dieser Grenze — sie sammelt, probiert, sortiert und erschafft dadurch eine kleine lokale Infrastruktur für Sichtbarkeit. Die „Wände“ sind nicht nur Träger von Bildern; sie sind Frames, Perspektivmaschinen, Orte des Aushandelns.
Die Gruppe agiert lokal, denkt aber nicht eng
Austausch mit anderen Werkstätten, Kollektiven, Galerien. Künstlerische Praxis ist kommunal-organisatorisch: Ausstellungen sind außerdem soziale Operationen – Einladungen, Gespräche, die Produktion von Narrativen. Die Werkstattgalerie wird zur Bühne für diese Operationen; sie ist zugleich Archiv und Projektionsfläche. Wer hier ausstellt, schreibt in eine lokale Chronik, die weder vollständig noch linear ist. Die ästhetische Haltung, die sich herausbildet, ist pragmatisch-reflexiv: Es geht nicht um reinen Formalismus, sondern um die Frage, was ein Ort aushält. Wände sind Belastungstests: Welche Arbeiten überstehen den Alltag? Welche Vorstellungen zerbröseln, welche bestehen? Die Gruppe lernt durch Ausprobieren, durch Hängung und Abbau, durch die Begegnung mit Publikum – Nachbarschaft, Sammlerinnen, Kinder, Technikerinnen. Das Publikum wird Teil des Experiments.
Die lebhafte Sprachkraft der bildnerischen Mittel ist in der Werkstattgalerie der Bogen direkt lesbar. In den 45 Jahren des Bestehens waren auch hier Rauminstallationen, Licht- und Klangskulpturen, Foto- und Videoskulpturen, Aktion und Performance sowie interaktive und temporäre Skulptur erlebbar.
Die Werkstattgalerie bleibt Werkstatt, indem sie Prozesse offengelegt hält. Open Calls, Künstlergespräche, partizipative Projekte. Die Spannung bleibt produktiv: Stabilität ermöglicht Planung, Instabilität ermöglicht Risiko. Die Geschichte der Gruppe ist eine Abfolge von Balanceakten zwischen beidem. Die Galerie hat den Anspruch, Licht zu machen — im wörtlichen und übertragenen Sinn. Sie formt Sichtbarkeit, sie ordnet Schatten, sie leistet Übersetzungsarbeit zwischen der Industriegeschichte Neheims und einer kulturellen Gegenwart. Die Legende von Hugo Bremer bleibt nicht nur nostalgisches Ornament; sie ist Funktionsbeschreibung: kleine technische Änderungen können die Wahrnehmung verschieben. So wie Bremer das Licht neu ordnete, ordnet die Werkstattgalerie Blick und Kontext neu.
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45. Jahresausstellung in der Werkstattgalerie Der Bogen. Möhnestraße 59, 59755 Neheim, ab 17:00 Uhr

Weiterführend → Im Rahmen der De-Industrialisierung werden ehemalige Fabrikgebäude zu Orten der Kunst. Diese ehemals toten Orte wurden zu Aufführungsorten für Musik, Theater, Literatur und Film, Bildende Kunst, Tanz und Performance verwandelt. Im Zentrum stehen spartenübergreifende neue Produktionen, Uraufführungen und Neuinszenierungen, die die Besonderheiten der jeweiligen Spielstätten aufgreifen.
→ Zum Thema Künstlerbücher finden Sie hier einen Essay sowie ein Artikel von J.C. Albers. Vertiefend auch das Kollegengespräch mit Haimo Hieronymus über Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.