Der ungekrönte König des Trash

Der „Biber“, wie man Christoph Schlingensief in „Bad“ Mülheim nannte, war ein Enfant terrible.

Martin Vanselow traf Christoph Schlingensief beim Boxenstop zur Wagner-Ralley.

Vor 15 Jahren starb Schlingensief. Durch seine Filme Das deutsche Kettensägenmassaker (1990) und United Trash – Die Spalte (1996) sind ihm beachtliche Trashproduktionen gelungen, die in dreister und geschmackloser Weise zu deren Zeit wichtige politische Themen treffend parodierten und damit seine Rolle als ernstzunehmender Politprovokateur der deutschen Film- und Theaterwelt begründeten.

„Der Schlingensief’sche Verwertungskosmos ist eine sich selbst verdauende Referenzhölle.“

René Hartmann, taz

Die Trashfilme von Schlingensief erfuhren in den Medien meist eine negative Kritik, was den Filmemacher jedoch noch mehr bestätigte. Ihn störte nicht die schlechte Schauspielerei, die karge und unecht wirkende Ausstattung, die billigen Spezialeffekte, bei denen der wahre Verursacher der Simulation zu erkennen ist, sowie unlogische Handlungsstränge mit platten Dialogen. Hier treffen die Authentizitäts-, Erfahrungs- und Lebensgesättigtheits-Debatten der alten BRD auf ästhetische Maximen, die derben Kitsch befördern. Schlingensief hat das Authentizitätsgebaren auf die Spitze getrieben. Zu den absurdesten Stilblüten dieser Entwicklung gehören auch die Inszenierungen fürs Theater und die Oper.

„Doch hat sich Schlingensief auf der rotierenden Drehbühne aus Nomadenbauten und multifunktionalen Kinoleinwänden ein Einsteinsches Raum-Zeit-Kontinuum geschaffen, darin Tod, Auferstehung und Wiedergeburt zu einem Mirakel zusammenfallen.“

Eleonore Büning, FAZ

Es erschien zwangsläufig, dass die Bayreuther Festspiele bei Schlingensief anklopften, da seine Imaginationen und Assoziationen auch bis zu Katharina Wagner durchgedrungen war. Es gibt keine linear zu erzählende Geschichte in seinem Parsifal, alles geschah gleichzeitig. Der ´Gral` in Parsifal lag für den Oberhausener nicht mehr nur am angestammten historischen Ort. Die vielen Video-Zuspielungen Schlingensiefs zeigen auch, wo er seinen Gral vornehmlich lokalisiert hat, es sind die Elendsquartiere der großen Städte in Südamerika, dort, wo sich christliche Glaubensrituale mit altem Zauberglauben zu filmisch-surrealistisch disparate Schichten übereinander kopiert. Ein assoziatives Gewirr von Bedeutungsebenen, multipler individueller Mythologien vermischen sich mit atavistischen Zeichen und Wundern. Die Bühne war ein sirrender Brummkreisel dieser Welten.

Während sich die Monarchie einst Hofnarren gehalten hat, gönnte sich die Demokratie als personifiziertes „Gegenbild“ des Bundesbräsigdenten Artisten wie Helge Schneider und Christoph Schlingensief, ihre größte Wirkung war eine Art von genialem Nonsens. Friede ihrer Masche.

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Gott schmiert keine Stullen von Eva Kurowski, rowohlt 2012

Weiterführend →  Eine Städtereise nach „Bad“ Mülheim, die Hauptstadt des Trash.

Christoph Schlingensief starb am 21. August 2010. Er war der Polit-Clown und er war jemand, den man gerne eingeladen hat, weil man wusste, dann passiert was und das ist irgendwie Unterhaltung. Eine Erinnerung der Eisenheimerin Eva Kurowski.

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