Die Elbphi des Sauerlandes

Die Neheimer haben das Gebäude freudig begrüßt:

„Es ist die Elbphi des Sauerlandes!“

Der Eintritt durch das Haifischmaul ist der Schritt in eine Parallelwelt. Hier lenkt die Konsumenten nichts ab. Die Elektronik als solche gerät – völlig illusionslos – in den Blick.

Alles Ungelebte, Ungewagte, eine Gegenwelt – sollte eine Schangse haben.

Im Gegensatz zum Hamburger Pendant finden hier keine Konzerte statt, dafür wird hier die Vielfalt der Unterhaltungselektronik angeboten, z.b. das Vivace-Klangsystem. Diesem gelingt mithilfe eines ausgeklügelten Verhältnisses zwischen tonabnehmenden Mikrofonen und im Saal platzierter Lautsprecher unter Berücksichtigung der spezifischen Nachhallzeit, eine perfekte klangliche Simulation eines Raums, der nicht vorhanden ist. Das Ohr wird überlistet, die Hörer erleben ein anderes akustisches Raumgefühl. Die neuen akustischen Medien fordern die Literatur vor allem dadurch heraus, dass sie den scheinbar direkten Zusammenhang von Sprechen und Hören aufbrechen. Der ursprüngliche Laut und seine technische Reproduktion sind genauso räumlich und zeitlich getrennt wie Stimme und Ohr.

„Das Ohr ist ein Organ der Angst, hätte der Mensch nur Augen, Hände, Geschmacks– und Geruchssinn, dann hätte er keine Religion, denn jene Sinnesorgane sind Organe der Kritik und des Skeptizismus.“

Ludwig Feuerbach

Als ein Kunstwerk eigenen Ranges verstärkt das Hörbuch die Reize des Auditiven und Oralen, mit diesem Medium kehrt die Literatur zu ihrem Ursprung zurück. Dies ist eine Gegenbewegung zu einer mit Bildern überreich gesättigten Kultur. Nach Friedrich Kittler entsteht deutsche Dichtung über neue Alphabetisierungs- und Literarisierungspraktiken, die zum Verschwinden der Materialität der Signifikanten und zur Oralisierung der Buchstaben führen. Dichtung, auf diese Weise zum Universalmedium avanciert, das Sprache, Bilder und Töne gleichermaßen speichert, überträgt und verarbeitet, zerfällt mit der Ausdifferenzierung der Medien in Foto-, Fono- und Telegrafie und Internet, die jedem einzelnen Sinn sein analoges Medium zuordnen, und damit in Literatur, deren Buchstäblichkeit zum Material von Dekonstruktion und von Psychophysik wird. Die Mündlichkeit des Erzählens knüpfen an Zeiten an, als dichterische Vorträge noch mit einer Aufführungspraxis verknüpft waren, die Barden haben ein sediertes Comeback vor sich.

Was entscheidet darüber, welche Klänge die Hörer tröstlich finden?

Der Sound einer Stimme erzeugt eine Stimmung. Der mündliche Vortrag schafft mit der spezifischen Atmosphäre auch eine Auslegung des Gesagten, eine Interpretationshilfe. Die Stimme ist authentischer als die Schrift und das Hören ursprünglicher als das Lesen. Hörbücher fordern Zu-Hörer im emphatischen Sinn des Wortes: sensibel für stimmliche Nuancen, für Tonfall, Rhythmus, Modulation und Sprache. Wo die Natural Born Neheimer einander ernst nehmen, schulden sie sich auch Wahrhaftigkeit. Das Leben im Sauerland ist komplex, die Einsichten sind es auch. Sie brauchen zum Dialog eine Geisteshaltung, die das Vorläufige aller menschlichen Erkenntnis ertragen, mit Gelassenheit Fragen stellen und dem Gegenüber zuhören kann.

***

Home Taping Is Killing Music war eine Kampagne der British Phonographic Industry. Der Slogan war meist als Aufkleber auf Plattencovern zu finden.

Weiterführend → Laut eines Berichts im Deutschlandfunk sind Tapes „Hipper als Vinyl“, die KUNO-Redaktion spulte zurück in die Zukunft des Cassettenlabels.

Lesen Sie zum Kassettenuntergrund auch den einführenden Essay vom 31. Mai 1989 aus dem KUNO-Online-Archiv.

Eine Liebeserklärung an die „7-Inch Vinyl Record Single“.

Als Schlussakkord: Die Erde ist keine Scheibe