Traditionen bieten reichhaltige Vorgeschichten, sie helfen ein kulturelles Erbe zu bewahren.

Im Nachlass des Kater Murr befinden sich bemerkenswerte Inhalte, die seine Abenteuer und Erlebnisse dokumentieren. Der Nachlass ist in Form von Fragmenten und Notizen gestaltet und enthält: Biografische Aufzeichnungen des Katers Murr, sowie Erzählungen über seine Ansichten und Erlebnisse in der menschlichen Welt, oft mit ironischem und satirischem Unterton. Und darüber hinaus literarische Reflexionen über die Kunst und das Leben, die die Sichtweise des Katers widerspiegeln.
Der Kater Murr ein hochgebildeter, philosophierender und schriftstellernder Kater, der seine eigene Autobiographie als Ich-Erzähler verfasst. Er kann sprechen, denken, lesen und schreiben wie ein Mensch, weil Hoffmann das bewusst als literarische Fiktion gestaltet hat. Es handelt sich um eine satirische Tradition der Tierdichtung und Fabel, in der Tiere vermenschlicht dargestellt werden, um die menschliche Gesellschaft zu kritisieren und zu parodieren. Hoffmann knüpft dabei an Vorbilder wie den Gestiefelten Kater (aus Märchen und Theaterstücken von Perrault, Grimm und Tieck) an, den Murr selbst als seinen „literarischen Ahnherren“ bezeichnet.
Es gibt keine realistische Erklärung im Roman (wie Magie oder ein Wunder) – Murr lernt heimlich bei seinem Herrn Meister Abraham lesen und schreiben und entwickelt sich autodidaktisch zu einem „Genie“. Das Ganze dient der Ironie: Der eitle, philisterhafte Kater parodiert den bürgerlichen Bildungsroman und das Genie-Ideal der Romantik. Er kann sprechen, weil es ein Roman ist – eine clevere, humorvolle Erfindung Hoffmanns, um die Absurditäten des Menschseins durch die Augen einer Katze zu beleuchten. Das Buch gilt als Meisterwerk der romantischen Satire und ist bis heute hochaktuell in seiner Skurrilität.
Das Werk eignet sich hervorragend dazu, die Themen von Identität, Kreativität und die Beziehung zwischen Mensch und Tier zu erforschen. Als Parodie auf das Konzept des „Autors“ verweist die Murr-Figur auf problematische Aspekte von Autorschaft, Authentizität, Glaubwürdigkeit und Identität. Hoffmann nutzt den Kater als Medium, um tiefere philosophische und künstlerische Überlegungen anzustellen, wobei die Struktur des Werkes selbst spiegelt, wie Fragmentierung und Unvollkommenheit in der Kunst existieren können.
E.T.A. Hoffmann schickte nach dem Tod seines echten Katers Murr im Jahr 1821 gedruckte Todesanzeigen an Freunde und Bekannte, die heute als Teil von Hoffmanns eigenem Nachlass oder Sammlungen gelten.
Im Jahr 2025 meldete sich erstmals Félin Murr, die Ur-Ur-Ur-Enkelin von Mina Murr (der Tochter des Kater Murr) zu Wort, dies wortwörtlich, denn auch die ist eine sprechende Katze, die mit dem Verstand eines Menschen ausgestattet ist.
Sie wundert das? Auch in einen Märchen von Kafka verwandelt sich ein Mensch in einen Käfer. Im Gegensatz zum menschlichen Verstand ist der Fantasie keine Grenzen gesetzt.
In ihren Buch „Schmieds Katze“ erkundet Félin Murr als Kehrichtsammlerin von Tatsachen die modernen Legenden von „5760 Neheim“, einem Ort nirgends. Neben den alten Fabeln über Wolf, Fuchs und Nymphe finden wir auch Motive der Science-Fiction (popmoderne Märchen!). Erzählerin dieser Vertellstückskers ist eine, wie ein Mensch denkende und gebildete Katze (der Familientradition folgend!), deren Reflexionen das Leben in diesem Paralleluniversum erläutert.
Gerade das Nichterzählte wirkt bei der Katze vertraut. Entstammt Félin, die Erzählerin dieser Vertellstückskers, der Überfamilie der Katzenartigen (Feloidea) oder ist sie verwandt mit Schrödingers Katze?
Der erzählerischen Logik folgend, spielt die Handlung in einem Paralleluniversum. In diesen Universum können unterschiedliche reale Ereignisse stattfinden, die in unserem Universum nicht möglich sind, zum Beispiel könnte eine Realität existieren, in der historische Entscheidungen anders getroffen wurden, was zu einer völlig anderen Zukunft geführt hätte… Was „Schmieds Katze“ bei Leseenden auszeichnen sollte, die nicht im Neheim leben, ist der Detailrealismus, der die Lebenswelten des Sauerlands plastisch werden lässt, alle Sinne anspricht, und die reichhaltige, gleichmäßig strömende Sprache, durch die die geschilderte Wirklichkeit poetisiert wird. Die Realität wird nicht verklärt, sondern in der Schonungslosigkeit der Schilderungen manchmal an die Grenzen des Akzeptablen getrieben. Zuweilen steigt die Katze in den dunkelsten Sumpf der menschlichen Existenz, um ihn zu ergründen. Diese an einen „Äspohl“ (wird von ihr im Buch erklärt!) erinnernde Gemarkung markiert im Multiversum lediglich die Grenzen unserer Vorstellungskraft.
Selbstverständlich handelt es sich bei diesem Gedankenexperiment um eine Feier der Intertextualität, dies bezeichnet die Beziehung und den Dialog zwischen verschiedenen Texten. Dieses Konzept besagt, dass Texte nicht isoliert existieren, sondern ständig in Beziehung zu anderen Texten stehen. Diese Verbindungen können durch Anspielungen, Zitate, Stilelemente, Themen oder sogar durch die Struktur des Textes selbst hergestellt werden. „Schmieds Katze“ ist keine menschenzentrierte Beobachtungsliteratur, dafür der Verweis auf die Eingebundenheit der Spezies Mensch ins Ökosystem. In Neheim leben aus der Zeit Gefallene, sie suchen Trost in den alten Erzählmustern, sehnen sich nach etwas Konstantem und erweitern daher gedanklich das Konzept eines Textes, den sie ihr Leben nennen und betonen, dass jedes Leben als ein Teil eines größeren Systems von Existenz gesehen werden kann.
Legenden sind ein stabiles Gebilde in enorm instabilen Zeiten. Mythen geben einerseits auf die Frage nach dem Ursprung und andererseits eine Antwort auf die Frage der Ethik.
In „5760 Neheim“ spiegelt sich auf glokaler Ebene ein Ungleichgewicht in der Beschreibung von Rezeptionslinien. Es gibt im Sauerland kein Narrativ, das einen konzisen Überblick liefert, hier existieren nurmehr Bedeutungssplitter, die versuchen, wenigstens einen prismatischen Moment einzufangen und Überlebtes, Überstandenes und scheinbar Überwundenes wieder in die Gegenwart zurückzuholen. Es ist die scheinbar belanglose Alltäglichkeit, den Félin Murr durch poetische Sprachbilder veredelt. Möglicherweise eignen sich diese Vertellstückskers zur Beantwortung einiger Fragen. Wahrscheinlich werfen sie auch neue auf.
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Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern ist ein satirischer Roman von E.T.A. Hoffmann. Die beiden Bände erschienen 1819 und 1821; ein 3. Band war in Planung.
Schmieds Katze, von Johannes Schmidt. Edition Das Labor 2025

Weiterführend → Das ´Autosoziobiografische Schreiben` lebt von der Verknüpfungskompetenz, die das Ganze des kulturellen Lebens überblickt. Lesen Sie dazu auch den ersten Hinweis: „Zu den Quellen“.